Na ja, das ist ein bisschen bad faith imo: Es stimmt zwar, dass da nicht EXPLIZIT nach dem Tradeoff gefragt wurden, aber viel deutlicher implizit als Abbildung 7 geht ja wohl kaum. Wenn du nach der Tagesarbeitszeit fragst stellen sich die Leute ja garantiert nicht ihre Arbeitswoche mal fünf vor, sondern eben wie viel sie maximal an einem Tag arbeiten möchten; wenn du die Gesamtarbeitszeit abfragen wolltest würdest du 100% die Frage stellen, welche Wochenarbeitszeit für sie akzeptabel wäre, weil das ist wie gemeinhin über Arbeitszeit nachgedacht wird; niemand sagt er hat einen "Sieben Stunden, zweiudvierzig Minuten-Arbeitstag", Leute sagen sie haben eine 38.5-Stunden-Woche). Die ganze Fragebatterie wurde auch explizit wegen der Festlegung im Koalitionsvertrag gemacht.
Weiß nicht, Formulierungen wie "pro/am Tag" und "Beginn und Ende des Arbeitstages" legen für mich eher nahe, dass es um den typischen Arbeitstag geht. Mein ganzer Punkt ist, dass die Fragen relativ pauschal sind und die Antworten völlig erwartbar - ich hab da keinen einzigen überraschenden Befund gelesen. Letztlich haben die meisten wohl eine grobe Vorstellung davon, wie zufrieden sie mit ihrer Arbeit und ihren Arbeitszeiten sind, sowie viele eine allgemeine politische Auffassung, die eher zugunsten von Arbeitnehmern oder Arbeitgebern ausschlägt.
Ich kann dir ziemlich sicher sagen, dass meine Frau in dieser Umfrage voll auf dem Spektrum "würde gern weniger arbeiten, am liebsten nicht mehr als 6 Stunden pro Tag" wäre. Gleichzeitig weiß ich aus erster Hand, dass sie sich durchaus schon über starre Arbeitszeitvorgaben und Zeiterfassung geärgert hat, also in gewissem Ausmaß von mehr Flexibilität profitieren würde.
Der zweite Punkt erscheint mir nicht sonderlich plausibel: Betriebliche Abläufe lassen sich im Zweifelsfall immer ändern, nur halt nicht vom Arbeitnehmer selbst (die hier aber gefragt werden). Wenn du in den USA Arbeitgebern sagen würdest dass sie jetzt mit Acht-Stunden-Tagen und 40-Stunden-Wochen zurande kommen müssten würden dir die auch erzählen, dass dann halt einfach alles instant zusammenbrechen würde. Das ist aber, wie so häufig bei Arbeitgebern, nicht so richtig glaubwürdig. Dass es "zu viel Arbeit" gäbe ist bei Lohnangestellten bestenfalls ein Zeichen dafür, dass der Arbeitgeber nicht genug Leute eingestellt bekommt und den Druck auf seine Arbeitskräfte externalisiert, denn die allermeisten Arbeiter werden nicht nach geleisteter Arbeit bezahlt, sondern nach Arbeitsstunden.
Das ist ja genau mein Punkt: „zu viel zu tun“ ist in vielen Fällen ein Bullshit-Argument, das daher kommt, dass entweder der Arbeitgeber Systematisch zu wenig Personal beschäftigt oder die Arbeitnehmer nicht gut darin sind, Grenzen zu setzen.
Aber in beiden Fällen sehe ich nicht, wie ein Umstieg auf Wochen-, statt Tageshöchstarbeitszeit einen Unterschied macht, denn dann würde jeder extra lange Tag bedeuten, dass es auch einen kürzeren Tag gibt - innerhalb einer Woche. Zumindest wenn man das, was so rumgeistert, wörtlich nimmt. Was da jetzt in der Formulierung genau geplant ist, weiß ich ehrlicherweise nicht.
Mir ist halt nicht ganz klar, welche Arbeitnehmergruppen man genau meint schützen zu müssen, indem man eine relativ strikte Vorgabe für die tägliche Arbeitszeit macht - wohlgemerkt, bei unterstellter gleichbleibender Wochenarbeitszeit.
Ich gebe gern zu, dass meine Auffassung händewedelnd ist und im Wesentlichen auf Nahbereichsempirie und Spekulation basiert. Aber meine Nullhypothese wäre, dass ich für die allermeisten Arbeitnehmer in Deutschland durch die Reform überhaupt nichts ändern würde. Und als bessere Empirie dazu würde ich mir einfach mal anschauen, wie es in anderen europäischen Ländern oder sonstigen vergleichbaren Industriestaaten aussieht, die einen ähnlichen Arbeitsmarkt, aber gerade keine gesetzlichen Vorgaben zur täglichen Arbeitszeit haben. Das scheint mir deutlich nützlicher als solche Befragungen, die wahrscheinlich aufgrund ihrer Pauschalität die Minderheit an Fällen, die wirklich betroffen wäre, überhaupt nicht erfassen können.
Meine Hoffnung wäre schon, dass mehr Flexibilität unter Strich mehr Arbeitnehmern nützt als schadet; sei es auch nur dadurch, dass viele Praktiken, die jetzt schon etabliert sind, dann nicht mehr durch Mauschelei im Graubereich oder einfach Ignoranz gegenüber den Gesetzen möglich sind.
Nichts für ungut, aber du gehörst schon zu einer Gruppe von Leuten, die oben bereits explizit angesprochen waren: Hochqualifizierte Arbeitnehmer, die im Regelfall schon auch ein bestimmtes Maß an Verhandlungsmacht als Einzelperson haben. Wie man in der Umfrage auch sieht sind das tendenziell diejenigen, die heute schon mehr arbeiten und bei dir geht es ja offensichtlich auch, insofern ist die aktuelle Regelung kein zwingender Hinderungsgrund. Aber das ist halt auch nicht die Gruppe, die von der aktuellen Regelung am besten geschützt wird und auch nicht die Gruppe, für die eine Änderung die unschönsten Konsequenzen hätte.
Dass sich das schlecht verallgemeinern lässt sieht man übrigens auch in der Umfrage: Diejenigen, die überwiegend selbst für Kinderbetreuung verantwortlich sind, haben nochmal eine höhere Zustimmung zu einem "Maximum acht Stunden"-Arbeitstag (87% vs. 72%).
Naja, ich glaube, grundsätzlich können wir uns darauf einigen, dass mehr Flexibilität gerade für Familien förderlich ist. Die eigentliche Frage ist: Gewinnen durch so eine Reform eher die Arbeitgeber oder die Arbeitnehmer an Flexibilität und für welche Untergruppen verschlechtert oder verbessert sich der Status quo?
Potentielle Vorteile sehe ich auf beiden Seiten und die Nachteile quasi allein auf Arbeitnehmerseite. Es ist für mich aber unklar, wen genau das in welchem Umfang betrifft. Ein pauschales "jetzt kann Chef dich 12 Stunden schuften lassen" scheint mir recht unplausibel, wenn wir unterstellten, dass es eine effektive Arbeitszeiterfassung und ein unverändertes Wochenlimit gibt.
Insbesondere sehe ich nicht so ganz, dass die Vor- und Nachteile hier so klar zwischen privilegierten und prekären Arbeitsverhältnissen verteilt sind. Das gibt imo auch der Bericht nicht her, wenn man sich die Aufschlüsselung unter den Berufsgruppen anschaut.
Man kann das natürlich alles relativieren, indem man einfach sagt: Solange Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich einig sind, kräht eh kein Hahn danach und im Zweifelsfall wird das Arbeitsrecht mehr als gut gemeinter Ratschlag interpretiert.
Aber wenn das Bedürfnis nach Flexibilität insgesamt zunimmt, gleichzeitig aber der Druck zu einer präzisen Zeiterfassung steigt, dann würde ich schon eher dafür plädieren, dass man die Regeln so gestaltet, dass sie auch quasi alle praktischen Bedürfnisse erfassen. Das scheint mir bei allzu starren Regeln nicht gegeben zu sein.