Weiß nicht, Formulierungen wie "pro/am Tag" und "Beginn und Ende des Arbeitstages" legen für mich eher nahe, dass es um den typischen Arbeitstag geht. Mein ganzer Punkt ist, dass die Fragen relativ pauschal sind und die Antworten völlig erwartbar - ich hab da keinen einzigen überraschenden Befund gelesen. Letztlich haben die meisten wohl eine grobe Vorstellung davon, wie zufrieden sie mit ihrer Arbeit und ihren Arbeitszeiten sind, sowie viele eine allgemeine politische Auffassung, die eher zugunsten von Arbeitnehmern oder Arbeitgebern ausschlägt.
Ich kann dir ziemlich sicher sagen, dass meine Frau in dieser Umfrage voll auf dem Spektrum "würde gern weniger arbeiten, am liebsten nicht mehr als 6 Stunden pro Tag" wäre. Gleichzeitig weiß ich aus erster Hand, dass sie sich durchaus schon über starre Arbeitszeitvorgaben und Zeiterfassung geärgert hat, also in gewissem Ausmaß von mehr Flexibilität profitieren würde.
Na ja, muss sagen dass ich hier deinen Punkt wirklich nicht sehe. Stimmt natürlich, dass Leute tendenziell weniger arbeiten wollen; das ist ja letztendlich quasi der Gang der Geschichte und dass wir heute bei ca. 40 (á 8 Stunden, 5x die Woche) Wochenarbeitsstunden als Vollzeitarbeitszeit angekommen sind hat wohl wenig mit Produktivität oder Wünschen der Arbeitnehmerschaft zu tun und viel damit, wann sich in der westlichen Welt die Marktmacht zugunsten der Arbeitgeber verschoben hat. Aber das ändert nichts daran, dass aus der Umfrage schon ziemlich klar sichtbar wird, dass Leute schlicht keine "Flexibilisierung" wünschen, wenn das bedeutet dass sie Arbeitstage ungleicher Länge machen sollen.
Und realistischerweise ist das, was du beschreibst, ja noch das Idealbild: Regelmäßige Mehrarbeit zu festen Zeiten für kürzere/freie Tage zu anderen Zeiten. Die Wahrheit dürfte aber gerade für diejenigen Arbeitnehmer, die die geringste Verhandlungsmacht haben, genau das nicht sein. Stattdessen dürfte die "Flexibilisierung" hauptsächlich bedeuten, dass der Arbeitgeber selbst und wohl meist eben nicht regulär festlegt, wann mehr gearbeitet werden muss und wann nicht. Die Arbeitgeber machen da in ihrer Kommunikation ja eigentlich auch keinen Hehl draus: Das größte Potenzial für "Flexibilisierung" besteht für Arbeitnehmer da, wo sie kurzfristige Arbeitsausfälle (wie etwa durch Krankheit) anderer Arbeitnehmer ausgleichen können, nicht da wo sie Leuten sagen wir zweimal die Woche regelmäßig für 12 Stunden arbeiten lassen und ihnen dafür einen anderen Tag frei zu geben.
Das ist ja genau mein Punkt: „zu viel zu tun“ ist in vielen Fällen ein Bullshit-Argument, das daher kommt, dass entweder der Arbeitgeber Systematisch zu wenig Personal beschäftigt oder die Arbeitnehmer nicht gut darin sind, Grenzen zu setzen.
Aber in beiden Fällen sehe ich nicht, wie ein Umstieg auf Wochen-, statt Tageshöchstarbeitszeit einen Unterschied macht, denn dann würde jeder extra lange Tag bedeuten, dass es auch einen kürzeren Tag gibt - innerhalb einer Woche. Zumindest wenn man das, was so rumgeistert, wörtlich nimmt. Was da jetzt in der Formulierung genau geplant ist, weiß ich ehrlicherweise nicht.
Mir ist halt nicht ganz klar, welche Arbeitnehmergruppen man genau meint schützen zu müssen, indem man eine relativ strikte Vorgabe für die tägliche Arbeitszeit macht - wohlgemerkt, bei unterstellter gleichbleibender Wochenarbeitszeit.
Ich gebe gern zu, dass meine Auffassung händewedelnd ist und im Wesentlichen auf Nahbereichsempirie und Spekulation basiert. Aber meine Nullhypothese wäre, dass ich für die allermeisten Arbeitnehmer in Deutschland durch die Reform überhaupt nichts ändern würde. Und als bessere Empirie dazu würde ich mir einfach mal anschauen, wie es in anderen europäischen Ländern oder sonstigen vergleichbaren Industriestaaten aussieht, die einen ähnlichen Arbeitsmarkt, aber gerade keine gesetzlichen Vorgaben zur täglichen Arbeitszeit haben. Das scheint mir deutlich nützlicher als solche Befragungen, die wahrscheinlich aufgrund ihrer Pauschalität die Minderheit an Fällen, die wirklich betroffen wäre, überhaupt nicht erfassen können.
Meine Hoffnung wäre schon, dass mehr Flexibilität unter Strich mehr Arbeitnehmern nützt als schadet; sei es auch nur dadurch, dass viele Praktiken, die jetzt schon etabliert sind, dann nicht mehr durch Mauschelei im Graubereich oder einfach Ignoranz gegenüber den Gesetzen möglich sind.
Naja, ich glaube, grundsätzlich können wir uns darauf einigen, dass mehr Flexibilität gerade für Familien förderlich ist. Die eigentliche Frage ist: Gewinnen durch so eine Reform eher die Arbeitgeber oder die Arbeitnehmer an Flexibilität und für welche Untergruppen verschlechtert oder verbessert sich der Status quo?
Potentielle Vorteile sehe ich auf beiden Seiten und die Nachteile quasi allein auf Arbeitnehmerseite. Es ist für mich aber unklar, wen genau das in welchem Umfang betrifft. Ein pauschales "jetzt kann Chef dich 12 Stunden schuften lassen" scheint mir recht unplausibel, wenn wir unterstellten, dass es eine effektive Arbeitszeiterfassung und ein unverändertes Wochenlimit gibt.
Insbesondere sehe ich nicht so ganz, dass die Vor- und Nachteile hier so klar zwischen privilegierten und prekären Arbeitsverhältnissen verteilt sind. Das gibt imo auch der Bericht nicht her, wenn man sich die Aufschlüsselung unter den Berufsgruppen anschaut.
Das halte ich ehrlich gesagt für eine Nebelkerze. Es sagt ja niemand, dass die Wochenarbeitszeit steigt. Was gesagt wurde ist dass (1) das für die meisten Arbeitnehmer mit geringer Verhandlungsmacht einen Nachteil ausmachen wird (welcher nicht durch Vorteile durch Flexibilisierung ausgeglichen wird) und (2) dass es durch die Arbeitnehmer weit überwiegend nicht gewollt ist(*). Ich habe noch nie irgendeinen Anhaltspunkt dafür gesehen, dass (2) nicht zutrifft (und ich bin sicher, wenn es möglich wäre dass das in Umfragen rauskommt wären die Arbeitgebervertreter längst auf den Weg gekommen, wie man es hinbekommt). (1) ist ein empirischer Punkt, der schwer zu be- oder widerlegen ist, weil du da keine natürlichen Experimente hast und bei observational data (wie etwa auf das europäische Ausland schauen) viel zu viel confounding existiert, als dass man für das alles kontrollieren könnte. Es widerspricht aber mehreren großen Trendlinien, die man in vergleichender Forschung sehen kann.
Jetzt weiß ich natürlich schon, dass man nicht immer alles was Leute in Umfragen angeben für bare Münze nehmen muss; teilweise weil das empirische Korrelat der geäußerten Meinung nicht immer hoch ist und teilweise weil Menschen sich die Alternative häufig deutlich weniger schlecht vorstellen können als den status quo. Aber bei so klaren Umfrageergebnissen würde ich dann doch arg davor warnen, die so zu interpretieren dass die Leute so gar nicht wissen, wie sie ihr eigenes Arbeitsverhältnis am liebsten organisiert haben wollen. Und für die Annahme, dass es nicht so ist, sehe ich wie gesagt so gut wie keine vernünftige Annahme: Klar findest du Nahbereitsempirie wo es jemanden helfen könnte, seine Arbeitszeit anders einzuteilen. Vielleicht sogar jemand, der eher einen nicht so begehrten Job macht. Aber ich wette du musst wesentlich weniger lange suchen, bis du jemand findest, der das nicht möchte und der von dieser Änderung nicht profitieren würde, weil es eben nicht die Person selbst wäre, die von der Flexibilisierung profitiert, sondern ihr Arbeitgeber.
*streng genommen gibt es in der öffentlichen Diskussion über das Thema noch das Argument, welches du aber nicht gemacht hast und welches ich dir auch nicht unterstelle, dass das irgendwie gesamtwirtschaftlich Vorteile hat, wobei ich dafür wie gesagt noch nie eine stringente Begründung gehört habe
Man kann das natürlich alles relativieren, indem man einfach sagt: Solange Arbeitgeber und Arbeitnehmer sich einig sind, kräht eh kein Hahn danach und im Zweifelsfall wird das Arbeitsrecht mehr als gut gemeinter Ratschlag interpretiert.
Aber wenn das Bedürfnis nach Flexibilität insgesamt zunimmt, gleichzeitig aber der Druck zu einer präzisen Zeiterfassung steigt, dann würde ich schon eher dafür plädieren, dass man die Regeln so gestaltet, dass sie auch quasi alle praktischen Bedürfnisse erfassen. Das scheint mir bei allzu starren Regeln nicht gegeben zu sein.
Es gibt nur eben wenig Grund zu glauben, dass eine Flexibilisierung "quasi alle praktischen Bedürfnisse" erfassen würde. Dass das Bedürfnis nach Flexibilität zunimmt sehe ich in der Pauschalität überhaupt nicht: Das Bedürfnis nimmt genau dort zu, wo es der jeweiligen Seite nützt. Kannst ja die Arbeitgeber mal fragen, wie hoch ihr Bedürfnis nach der telefonischen Krankschreibung ist, geschweige denn verpflichtendem Homeoffice.