Imo passt das Video nicht wirklich gut auf die hiesige Situation und ich würde vermeiden, so zu diskutieren. Wenn du in den USA mit jemandem debattierst, der auf die Art "Pro-Israel" ist hast du es fast immer mit einem amerikanischen zionistischen Juden oder einem jüdischen Israeli zu tun, der entweder die doppelte Staatsbürgerschaft hat oder familiär starke Bindungen in die USA*. Bei denen funktionieren Argumente wie #1 und #3 gut als bait, weil sie häufig nicht zugeben können oder wollen, dass in Israel eine Mehrheit schon längst nicht mehr an einer beidseitig akzeptablen Lösung der Palästinenserfrage interessiert ist.
In Deutschland dagegen hast du es häufig mit Leuten zu tun, die überhaupt keine persönlichen Verbindungen nach Israel haben, sondern rein mit historischer Verantwortung argumentieren. Die haben praktisch nie ein Problem damit, dir rhetorisch #1 und #3 zu konzedieren: Siedlungen seien falsch, Zweistaatenlösung "muss" es geben. In Deutschland wird es erst dort interessant, wo man fragt was es denn genau für Konsequenzen haben sollte, falls Israel eine konstruktive Lösung verweigert.
#1 Existenzrecht wo?
Ich halte das auch in Deutschland für eine grundsätzlich relevant Frage. Nicht so sehr wie in den USA, aber i.d.R. werden Parolen wie "Existenzrecht Israels" ja, v.a. von deutschen oder amerikanischen Journalisten, gerne als Schild hochgezogen, um Kritik an Israel per se abzuwehren oder zu insinuieren, der Kritisierende wolle in Wahrheit alle Israelis ins Meer treiben. Dieses Existenzrecht kommt da wie eine Platitüde daher, da Israels Existenzrecht nicht real bedroht ist. Die Frage "wo" Israel denn existieren soll konkretisiert, was mit dem Existenzrecht gemeint ist - innerhalb der '67er Grenzen, oder soll dieses Israel "Judea und Samaria" (wie das Westjordanland mittlerweile in Israel genannt wird um den Anspruch auf das Land zu signalisieren) einschließen?
Und in dem Kontext ist natürlich auch Frage #3 zum Existenzrecht Palästinas relevant.
Und gerade zu deinem letzten Satz:
dass Israel eine konstruktive Lösung verweigert, sollte mittlerweile jedem Beobachter klar sein denke ich.
#2 führt in meinen Augen generell in die Irre: Worauf soll das Argument hinauslaufen? Israel existiert und Staaten haben zwar kein völkerrechtlich verbrieftes Recht auf Existenz, aber ein Recht auf Selbstverteidigung. Darüber zu spekulieren ob es moralisch besser wäre, wenn es kein Israel gäbe, oder wenn Israel stattdessen auf Madagaskar, in Mecklenburg-Vorpommern oder sonst wo wäre ist belanglos, weil es mittlerweile seit fast 80 Jahren im Nahen Osten existiert. Israel hat ein echtes Staatsvolk, das sich als Israelis fühlt. Die meisten von denen sind in Israel geboren und diejenigen die es nicht sind kamen aus Staaten, die diese Leute größtenteils loswerden wollten. Das Problem in Israel ist eher, dass sie zu dem echten Staatsvolk nochmal 20% Menschen haben, die sich dazu nicht zugehörig fühlen und die Kontrolle über nochmal 100+% Menschen, denen man keine Staatsbürgerschaft geben will. Ich sehe schlicht keine Lösung, in der Israel irgendetwas anderes bleibt als ein zionistischer Staat. Die Lösung kann imo nur sein Israel mit so viel Druck dazu zu zwingen, das innerhalb seiner völkerrechtlich verbrieften Grenzen zu bleiben.
Erstmal: dass in Israel 20% Araber leben liegt ja nicht an einer organischen demographischen Entwicklung. Israel hat schon vor der Staatsgründung (ich meine Ben-Gurion, Herzl oder Jabotinski hat es geschrieben) festgelegt, dass 20% indigene Bevölkerung das oberste Maximum ist, das sie in ihrer Vorstellung eines jüdischen Staates akzeptieren werden.
Ansonsten haben wir an dem Punkt anscheinend grundsätzlich unterschiedliche Standpunkte.
Für dich ist Israel als zionistisches / ethnostaatliches System (ob nun aus Überzeugung, oder aus Pragmatismus) erhaltenswert oder tolerierbar, weil es existiert. Lese ich zumindest so heraus. Gerne korrigieren wenn ich hier falsch liege.
Ich sehe dagegen mittel- bis langfristig durchaus Szenarien, in denen dieses System aufgebröckelt und durch eines ersetzt werden kann, das nicht weiterhin zu dauerhafter Besatzung, Schikane, Terror und Mord an Zivilbevölkerung führt. Gerade, wenn der Trend in den USA weitergeht, in dem die Mehrheit der demokratischen Wählerschaft mehr und mehr "Progressives" mit klarer Haltung zu Israel/Palestine wählt, welche die liberalen Zentristen verdrängen.
Und mit ersetztem System meine ich übrigens eines, das auch die isr. Bevölkerung mit einschließt als Schutzbedürftige Gruppe mit Recht auf Freiheit und Würde. Natürlich ist das heute Träumerei. Sehen wir, wie es in 5 oder 10 oder 30 Jahren aussieht.