Ich stimme dir zu, dass eine Gesellschaft von ihren Prinzipien lebt. Aber du machst es dir zu einfach, wenn du so tust, als gehe es hier um Prinzipien gegen Opportunismus. Es geht vielmehr um die Frage, was die richtigen Prinzipien sind, für die wir einstehen sollten.
Zu guten Prinzipien gehört für mich übrigens, dass man unverrückbar an ihnen festhalten kann. Der Zauber der Willkommenskultur ist aber längst dahin. Das zeigt doch nur, dass es eben gerade die falschen Prinzipien waren, auf die wir gesetzt haben.
Die Überlegung ist ja ex-post hinfällig. Ein gebrochenes Prinzip ist keines mehr.
Hättest du die Mehrheit aber VOR der Krise befragt, wäre die Willkommenskultur für verfolgte Menschen ein definitiv konstituierendes Prinzip Nachkriegsdeutschlands gewesen, und wir behandeln eh jeden mit Würde. Garantiert.
Du kannst halt jetzt sagen, dass es das falsche Prinzip war. Und vielleicht zählt ja nur das, was wir auch niedergeschrieben haben. Nur lassen sich solche Dinge nicht wirklich kodifizieren. Auslegungen, Rechtsverständnisse und Verfassungen beugen sich im Endeffekt dem "Volkswillen" - wer diesen Effekt in den letzten fünf bis zehn Jahren nicht weltweit zur Genüge beobachtet hat, muss sich mal Länder wie Polen, Türkei, Ungarn, England, USA usw usf angucken (Ich will jetzt auch explizit nicht hören wie anders es bei uns ist. Egal inwieweit das stimmt, das dachte man nämlich überall).
Es bleibt dabei. Prinzipien der Gesellschaft werden von ihr getragen oder aufgegeben, also im Endeffekt von der Mentalität des Einzelnen. Die selbe alte Leier wie von wegen Angreifbarkeit der Demokratie.
Fakt ist nunmehr, was eine Mehrzahl der Deutschen zur sonnigen Zeit als Prinzip erachteten, musste man aufgeben weil es nicht der Realität entsprach. Es diente der lautstarken Mehrheit nur eine zeitlang um sich so verdammt gut über uns selber zu fühlen, wo wir doch im Flüchtlingssupport #1 sind yo. Franzmänner und Polen, die haben halt nicht unsere ~history~ und sind halt auch nicht so geil wie wir Deutschen!
Ich war zwar damals nicht in Deutschland, aber als ich den Shit von meinen deutschen Freunden ZU HAUF gehört habe, habe ich schon direkt damals prophezeit, dass wir uns noch umsehen werden.
Es ist völlig egal ob es jetzt ex-post richtig war - im Grunde ist es sogar egal ob es total dämlich war - wir haben es ja aufgegeben. Aber das hinterlässt Narben in der gesellschaftlichen Mentalität. Ich bin davon überzeugt, und hab es schon anderswo erlebt. Der Fakt, dass wir uns selber als blauäugig oder - schlimmer - als wankelmütig wahrnehmen, schadet der Gesellschaft ungemein.
Wie gehen wir also damit um? Richtig ist, wie du sagst, man muss Prinzipien klären. Jeder muss wissen und lernen was wir uns als Bevölkerung darunter vorstellen. Wir schreiben halt so einiges zu Grundrechten in die Verfassung, Dinge die halt teilweise für alle Menschen in Deutschland gelten, Bürger oder nicht. Wenn uns das wichtig ist, müssen wir zur jeder Zeit klären was das explizit bedeutet.
Und dann, was noch wichtiger ist, müssen wir davon weg unsere Prinzipien zu kompromitieren. Ansonsten überlässt man das Feld genau den Opportunisten, die dann im Namen von irgendwas zuerst einmal die Bürgerrechte einstampfen (gewisse Kandidaten von CDU und SPD also derzeit)
Ich bin immernoch der Meinung, dass eine offene Flüchtlingspolitik und eine humanistische, menschliche Behandlung aller Menschen uns als Land und Gesellschaft sehr, sehr gut zu Gesicht gestanden hätte. Und ich würde mich freuen wenn wir da wirklich, im Gegensatz zu allen anderen, ein Leuchtturmland sein könnten, trotz Geld, Terror usw.
Aber die Situation hat sich schon von Anfang an entlarvt, als die Leute angefangen haben zu rechnen dass sich Migranten wirtschaftlich lohnen. Wer schreibt, dass wir im Endeffekt Geld sparen (oder nicht sparen), dem geht es selbstverständlich nicht primär um ein humanistisches Prinzip. Und ich denke die Realität ist halt, dass man nirgendwo auf der Welt genug solche Menschen finden würde, auch und schon gar nicht in Deutschland. Dann wünsch ich mir lieber klare Prinzipien und Regeln. Leider schafft unser vehunztes Einwanderungssystem das auch nicht. Ich habe selber im Hinblick auf hochqualifizierte (Akademiker) Nicht-EU Ausländer in der letzten Zeit viel Erfahrung gesammelt und es hat mit einem prinzipientreuen System auch nicht gemein.
Und weil ich mich grad so schön aufrege.
Man fordert ja dann auch die Integration, und es ist nicht EINER Person in Deutschland überhaupt klar, was das denn jetzt genau heißen soll. Es ist schlichtweg unmöglich einem Migraten (der es gut meint!) zu erklären was er denn jetzt exakt tun muss, weil wir uns selber so uneinig sind. Sind wir eine sekuläre Republik? Eigentlich nicht, sonst müsste man den Einwanderern aus muslimischen Ländern nicht erklären, warum Sonntag zu ist, warum nur Kirchen lärm machen dürfen, warum die Kirche in den Gremien aller Bildungseinrichtungen sitzt (und nur die), warum man was an gewissen Feiertagen nicht darf und warum alle Schulen im Dorf auf Gottesdienst bestehen (zumindest in gewissen Gefilden) usw. Aber trotzdem wird immer transportiert, dass wir so tolerant und sekulär sind. Ich mag das insbesondere bei Türken. Diejenigen die in den letzten Jahren eingewandert sind, sind ja oft sehr stramm sekulär und kemalistisch geprägt. Die finden dann selbst Kopftücher in der Schule als grundfalsch.
Und ich kann es verstehen. Ich hab auch in der Türkei und in Frankreich gewohnt, wo solche Dinge halt einfach nicht erlaubt sind (oder waren). Oder, andersrum, hab ich auch in den USA gewohnt, wo solche Dinge halt echt einfach egal sind, und keiner wird dafür angehated weil er sich nicht integrieren will. Andererseits haben (oder hatten) besagte Länder halt auch eine klare Rechtlage im Bezug auf Trennung von Staat und Kirche, im ggs. zu Schland.
Deswegen gehe ich inzwischen hin und sage: Deutschland ist nicht wirklich sekulär, über unsere Kultur sind wir uns selber nicht im Einen und was du für Integration machen musst, weiß keiner. Ich mein kann man Muslim sein und _wirklich_ in Deutschland integriert sein? Also ohne, dass einen die Leute komisch angucken und so? In Berlin bestimmt. Aber in Bad Reichenhall oder im Emsland?
Wir gesagt, wir haben es dringend nötig unsere Prinzipien zu klären, sodass wir alle wissen wo wir stehen.