Danke für Eure Antworten. Ich denke es ist wie so oft bei Trump und anderen Populisten:
1) es gibt eine tatsächliche Herausforderung
2) Der Populist ergreift eine sachlich falsche/verdrehte/kurzsichtige/absurde Maßnahme. Die einfache Lösung!
3) Es kann trotzdem ein "postiven" Einfluss auf die bestehende Herausforderung nehmen und damit seine Klientel glücklich machen. (In diesem Fall sehe ich es aber nicht).
Beispiel Immegrattion Deutschland:
1) Überforderung (Staat, Bevölkerung) durch zu viel Migration auf einmal
2) Ausländer sind scheisse -> Grenzen zu
3) Man macht Grenzkontrollen und weißt ein paar Leute zurück -> Weniger Flüchtlinge und Leute beruhigt.
Beispiel Zölle:
1) Wegfall von produktiven Jobs, die bei verhältnismäßiger schlechten Ausbildung gutes Einkommen ermöglicht
2) Wir machen so hohe Zölle auf Importe, dass die Firmen vor Ort produzieren müssen
3) Vor-Ort-produzierende Firmen profitieren/werden weniger geschadet. Langfristige Verlagerung von Produktion in die USA.
1. Niemand wird neu in USA produzieren, um von dort aus zu exportieren. Dafür sind USA zu teuer und Gegenmassnahmen sind zu erwarten. Zölle sind ja künftig beidseitig.
2. Das bedeutet es lohnt sich erst einmal nur die letzte Stufe in USA zu produzieren. Das bedeutet dann aber man muss alle Teile nach USA importieren und dann dort zusammensetzen. Die einzelnen Teile produziert ja aktuell keiner in USA, die muss man eh im Ausland kaufen. Auf alle Teile fallen Zölle an. D.h. das Delta ist nur der Zoll zwischen Transferpreis auf dem Endprodukt (vor Händlermarge) und dem Einkaufspreis aller Einzelteile. Ob sichs dafür dann lohnt die Produktion rüberzuschieben kommt sicher aufs einzelne Produkt an, aber das wird bei den allerwenigsten Produkten der Fall sein.
Machen wir mal nen Beispiel mit nem fiktiven Auto für 50'000 USD Verkaufspreis in USA ohne MWST.
1. Nehmen wir an das wird für 40'000 USD importiert und 10'000 sind Handelsmarge. Also bei 30% Zöllen, fallen jetzt dann 12'000 USD Zoll an.
2. Nehmen wir an alle Teile kosten 30'000 USD. Das heisst wenn jetzt die Fabrik nach USA gesetzt wird und man dann die Teile importiert, dann haben sie noch 9'000 USD Zoll, sparen also 3'000 USD. Auf den 50'000 USD fürs Auto, macht das jetzt auch nicht die Welt aus. Dafür wird es sich kaum lohnen, Fabriken zu versetzen. Bei Neubauten ists vielleicht ne Überlegung, die Wettbewerbsnachteile der USA sind aber auch substantiell.
Richtig lohnen in USA zu produzieren tut es erst, wenn dann auch alle Vorstufen dort sind. Das passiert aber sicher nicht schnell, sowas braucht Jahrzehnte, zumal viele Vorstufen an einem Ort für den globalen Markt produziert werden. Da hat jetzt keiner Bock auf die Skaleneffekte zu verzichten und in jedem Handelsraum neue Fabriken zu bauen wegen nem 4-Jahres Präsidenten.
Was ich als grösseren Effekt sehe, ist dass Firmen die eh schon viele Vorstufen in USA haben stark profitieren. Im Autobereich ist Tesla sicherlich riesiger Profiteur, da sie tief vertikal innerhalb der USA integriert sind und damit die vollen 30% als Kostenvorteil kriegen.
Dass sich aber wirklich viel schiebt ist erstmal unwahrscheinlich. Vielleicht über Jahrzehnte, wenn dann Stück für Stück Wertschöpfungsstufe nach Wertschöpfungsstufe rübergeht, aber wer weiss schon was in 4 Jahren (oder auch in 4 Tagen ist).
Was Trump halt auch nicht so ganz checkt ist, dass die Effekte die er sich wünscht, nur passieren wenn der langfristige Planungshorizont entsprechend angepasst ist.
D.h. wenn Mercedes weiss, dass in 5 Jahren Zölle kommen, die dann 20 Jahre bestehen, setzen sie ihre nächste Fabrik vielleicht nach USA.
Wenn aber nächste Woche Zölle kommen, die vielleicht in 4 Wochen wieder weg sind (da die Länder verhandeln) und recht wahrscheinlich in 5-10 Jahren wieder weg sind, dann bewegt sich dafür überhaupt niemand und das geht einfach nur auf die Konsumentenpreise drauf.
Danke für die Ausführung. Ich gebe dir vollkommen recht und daher sehe ich auch nicht, wie das USA/Trump kurzfristig helfen sollte. Aber langfristig könnte man mit vergleichbaren, zielgerichteten, dosierten Zöllen dafür sorgen, dass bestimmte Industrien im Land bleiben / wieder hier angesiedelt werden.
Zu deinem Beispiel: Ich denke es kommt auch auf den Bereich an. Gerade im High-Tech / High Innovation Bereich wird typischerweise aus wenig Materialkosten mit viel Innovation / IP und Automatisierung eine enorme Wertsteigerung erreicht. Ich arbeite in dem Bereich und weiß von was ich rede. Man steckt in eine Maschine einen Rohstoff rein und bekommt eine fertige Komponente raus. Dann noch ne Oberflächenbehandlung und du hast aus 10€ 10.000€ gemacht. Dafür brauchst du "nur" die R&D (kann weiter weltweit sein), die Maschinen (kann man überall hinstellen) und - kleiner Haken - qualifiziertes Personal zur Bedienung. Aber das ist absolut machbar.
Aktuell ist es oft so, wenn du etwas vor Ort zusammen schraubst, dann wurde es dort hergestellt. Kleiner Insider: Man stellen einen xxMio€ ASIC her und macht da nen Deckel in EU drauf. Mit den Zöllen hilft dieser Trick nicht mehr. Man kann es aber noch weiter treiben als Zölle: Wertschöpfungskette: Für bestimmte Exportvorgaben muss man heute schon nachweisen, wie viel am "Wert" einer Ware wo enstanden ist. Darunter fällt auch R&D. Dann wirds spannend.