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Adam Tooze (2018): Crashed - How a Decade of Financial Crises Changed the World

Habe es schon vor ca. vier Wochen beendet. Geiler Schinken. Hatte mir das geholt, nachdem Gustavo es im Comm mal erwähnt hatte. Eine sehr schön zu lesende Beschreibung der weltwirtschaftlichen Entwicklung ab 2008 inklusive Vorgeschichte und des (geo)politischen Fallout. Jemand, der sich mit dem Themengebiet ohnehin beschäftigt, wird wenig komplett neues lesen (z.B. wie quälend lange Merkel und Schäuble gebraucht haben, um mal zu kapieren, dass das Problem in der Eurozone nicht ist, dass ein paar faule Griechen zu viel Rente kriegen), aber die Story mal in einem Guss zu bekommen und natürlich findet man immer noch Details und Facetten, die man noch nicht so auf dem Schirm hatte. Z.B. dass die EZB den osteuropäischen Notenbanken keine Euro-Kreditlinien eingeräumt hat, obwohl diese evident nötig gewesen wären - das hat man ja in der aktuellen Krise besser gemacht. Oder auch wir stark die Krise von 2008/2009 noch auf die US-Wahlen 2017 eingewirkt hat. Diese Krise hat auch in den USA sehr viel tiefgreifendere, langfristige Wirkungen hinterlassen als das vielen von uns in unserer deutschen Wohlfühlblase bewusst ist.
 

parats'

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Dem kann ich nur zustimmen, hatte mich relativ kurz nach Gustavos Empfehlung an den Schinken gesetzt und, obwohl der vielen Seiten, zügig durchgelesen. Normalerweise bevorzuge ich kürzere Bücher, gerade weil mit Kindern doch die Zeit fehlt und ich ungerne Bücher angelesen liegen lasse.
 
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Carmen Reinhart & Kenneth Rogoff (2009): This Time Is Different: Eight Centuries of Financial Folly

Meh. War ja ein ziemlicher Kassenschlager als es damals rauskam. Ich fand es jetzt eher so mittelmäßig aufregend. Tiefschürfende neue Erkenntnisse habe ich keine gewonnen. Beeindruckt hat mich vor allem wie man ein 300 Seiten dickes Buch über Finanzkrisen schreiben kann ohne ein einziges Mal Minsky auch nur zu erwähnen, geschweige denn zu zitieren. Vor dem Hintergrund ist auch der enge Fokus auf Staatsverschuldung recht lame. Man kann es sich mal geben, aber ich denke es gibt weit bessere Bücher zu der Materie.
 
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Richard H. Thaler & Cass R. Sunstein - Nudge
Ganz gutes Buch mit einigen sinnvollen Ansätzen. Geht zum Beispiel darum, wie man das amerikanische Gesundheitssystem für Verbraucher einfacher gestalten kann oder wie man die Bereitschaft für Organspenden erhöht.

Habes auch gelesen. Mir schien es wie ein "Poor Mans Kahnemann".. Alles in allem empfand ich es eher als leichte Kost, aber gut als Einstieg geeignet.
 
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Lese gerade Wie Demokratien sterben. Wurde in der Lage der Nation empfohlen (wohl mehrfach) und hab es mir angeschafft. Bin jetzt bei etwa 1/3 und...NAAAAJA, ist schon sehr einseitig und ein Antitrumpbuch. Deswegen schon etwas langweilig, aber es liest sich angenehm. Die beiden Autoren (hardvard profs) geben im ersten Kapitel einen "Lackmustest" für Präsidentschaftskandidaten an, welcher vier Punkte(kategorien) enthält und wenn ein Kandidat auch nur einen Punkt erfüllt, sei er quasi ungeeignet. Das tut natürlich aktuell nur Trump und niemals z.B. Hillary Clinton. Naja, mal schauen.
 
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Die beiden Autoren (hardvard profs) geben im ersten Kapitel einen "Lackmustest" für Präsidentschaftskandidaten an, welcher vier Punkte(kategorien) enthält und wenn ein Kandidat auch nur einen Punkt erfüllt, sei er quasi ungeeignet. Das tut natürlich aktuell nur Trump und niemals z.B. Hillary Clinton.
Welche Kategorien sind das denn?
 
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lackmustest.png
 

parats'

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Confessions of an Economic Hit Man - lag schon gefühlte Ewigkeiten auf meinem Stapel.
Das Buch geht locker als Biographie durch. Von der Art und Weise wie es geschrieben ist, wird es jedenfalls nicht langweilig oder wirkt langatmig.
Wesentlich neue Details zu den entsprechenden Themen gibt es aber nicht, die sind ohnehin gut dokumentiert.
 

parats'

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SuperHubs - gefühlt schon zig mal in diversen anderen Büchern gelesen: Angelsächsische Finanzelite regiert die Welt. Es ist echt nicht groß (um die 300 Seiten) und war an zwei Abenden durchgelesen. Aber es zog sich wie Kaugummi und im letzten Drittel wollte ich es eigentlich direkt weglegen, aber was sind schon 100 Seiten. :deliver:
Wer noch nie ein Buch dieser Art gelesen hat, der wird sicherlich ganz angetan sein, auch wenn in Summe kein Heureka-Moment eintreten dürfte.
 
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Alex Beer - unter Wölfen der verborgene Feind
Guter Krimi im Nürnberg der Nazizeit. Habe ein paar Sachen mitgenommen wie Hitlerwetter und webeleinenstek. Mal wieder ein Buch, bei dem man 100+ Seiten am Stück lesen kann.
 
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Confessions of an Economic Hit Man - lag schon gefühlte Ewigkeiten auf meinem Stapel.
Das Buch geht locker als Biographie durch. Von der Art und Weise wie es geschrieben ist, wird es jedenfalls nicht langweilig oder wirkt langatmig.
Wesentlich neue Details zu den entsprechenden Themen gibt es aber nicht, die sind ohnehin gut dokumentiert.

Ziemlich düsteres Buch meines Erachtens. Ich habe es auch gerade fertig gelesen und empfand die Kaltblütigkeit dieser Menschen als enorm schockierend und abstossend.
 
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Hallo Zusammen,

ich kann euch "Das Foucaultsche Pendel" von Umberto Eco wärmstens empfehlen. Ist zwar teilweise müßig aber es lohnt sich allemal!
Für alle die es vielleicht schon gelesen haben? Wie fandet ihr es?
 
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Rod Hill & Tony Myatt: The Economics Anti-Textbook (2009)

Lag schon geschlagene zwei Jahre daheim rum und hat zwei Umzüge mitgemacht. :ugly: Schande über mich, dass ich es erst so spät gekauft und noch später gelesen habe. Ich habe Mikroökonomie immer verabscheut, schon im ersten Semester war mir das weltfremde Rumgerechne zuwider und ich habe schon damals nicht verstanden wie dieser Quatsch uns dabei helfen soll, die real existierende Wirtschaftswelt zu erklären und zu verstehen. Dabei ist das Problem noch nichtmal, dass die brauchbaren Modelle (z.B. zur Preisbildung im Monopol) nicht gelehrt würden. Das Problem ist viel eher die Art und Weise wie das alles gelehrt wird, konkret das häufige Vertauschen von Normal- und Spezialfall. Würden die Mikroökonomen dieser Welt mal von der Unsitte abgehen die Märchenwelt des perfekten Wettbewerbs als Standard und Monopole als "Anomalie" oder "Spezialfall" zu verkaufen, dann wäre schon ganz viel erreicht, denn es ist ja wohl kaum zu leugnen, dass monopolistische Konkurrenz so ziemlich der Normalfall bei real existierenden Unternehmen ist. Ein anderes Beispiel wäre das 08/15-Ricardo-Handelsmodell. Anhand dessen könnten Situationen wie z.B. ein Technologietransfer zwischen Ländern durch FDI ohne weiteres erklärt werden - wenn man es denn will.

Sehr schönes Buch, das sehr anschaulich den Finger in die Wunde(n) legt ohne dabei sonderlich technisch zu sein oder allzu sehr dem arroganten "ich erklärt euch jetzt mal die Welt"-Duktus zu verfallen, der unter unorthodoxen Ökonomen häufig grassiert. An einigen Stellen driften mir die Autoren zwar doch etwas zu sehr in die politische Stellungnahme ab, aber sie sind da im Vorwort immerhin ehrlich und geben das auch offen zu.

Habe auch schon gleich den nächsten Schinken daliegen, passend zum Themer: https://www.amazon.de/-/en/Alan-Blinder/dp/0871541211

Aber jetzt sind erstmal ein paar andere Sachen dran.
 
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Habes auch gelesen. Mir schien es wie ein "Poor Mans Kahnemann".. Alles in allem empfand ich es eher als leichte Kost, aber gut als Einstieg geeignet.

gerade erst gesehen, dass die posts doch jemand liest. :deliver:
Jo, habe auch Schnelles Denken, Langsames Denken von Kahnemann gelesen und der beschreibt das schon viel mehr im Detail. Mir war das Buch von Sunstein und Thaler auch ein bisschen zu US lastig.

Gerade gelesen:
Lifespan - David Sinclair
Es geht um den aktuellen Stand der Forschung zum Thema Altern. Sehr faszinierendes Buch, weil ich davon überhaupt keine Ahnung hatte. Altern ist eine Krankheit und diese wird wohl nach seinen Aussagen in den nächsten Jahrzehnten gut therapierbar sein. Zumindest auf zelltechnischer Ebene.

Drive - Daniel H. Pink
Es geht um Motivationsforschung und darum, dass viele Firmen nicht auf die Erkenntnisse aus der Wissenschaft hören und immer noch Methoden aus dem 19. Jahrhundert verwenden, um Mitarbeiter mittels Belohnungen und Bestrafungen zu motivieren. Etwas leichte Kost, aber doch ganz interessant, wenn man öfters unmotiviert ist und sich fragt warum.

Why we sleep - Matthew Walker
Auf Empfehlung bin ich das gerade am Lesen. Es geht um Schlaf- und Traumforschung. So weit sehr interessant, bin aber noch nicht weit.
 
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Charles P. Kindleberger (1973/2014): The World in Depression, 1929–1939

Letzte Woche beendet. Fand nicht alles spannend zu lesen, wie so oft in älteren Wirtschaftsbüchern. Wenn da seitenweise (z.B. im zweiten Kapitel) irgendwelche Preisentwicklungen beschrieben werden. Sowas würde man heutzutage halt einfach in eine Grafik packen statt zehn Seiten lang rumzuschwafeln. Aber ich will jetzt nicht abfällig sein, ist ja ein viel beachtetes Buch und nicht zu Unrecht. Habe schon etliche Sachen gelernt, die ich noch nicht wusste, z.B. dass auch Roosevelt das Ziel eines ausgeglichenen Haushaltes verfolgt hat, also kein deficit spending betrieben, sondern Ausgaben und Einnahmen gleichermaßen nach oben gejagt hat. Oder wie "nationalistisch" er wirtschaftspolitisch generell eingestellt war. Also wer sich für Wirtschaftsgeschichte interessiert sollte es auf jeden Fall gelesen haben.

Frage: Hat jemand A Monetary History of the United States von Friedman und Schwartz gelesen? Lohnt sich das?
 
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August Kubizek - Adolf Hitler mein Jugendfreund

Oh nicht schon wieder! Wann werden wir mit ihm fertig sein?
1953 ist das Buch bereits erschienen, sein Inhalt in späteren Publikationen in Zweifel gezogen und in noch späteren wieder weitgehend rehabilitiert worden. Aber worum geht es überhaupt?
Im Jahre 1904 kommen während der Vorstellungspause im Musiktheater zu Linz zwei sechzehnjährige Jungen ins Gespräch. Im Stehparterre tauschen sie sich über einen Solisten aus, der beiden negativ aufgefallen war. Der eine ist der musikalisch begabte August Kubizek, den Namen des zweiten Jugendlichen kennt heute jeder Mensch auf der Welt. Es ist der Beginn einer Freundschaft, die, von langen Pausen unterbrochen, bis zu Hitlers Tod anhalten wird.
Kubizek ist ein unpolitischer Mensch. "Du bist ein politischer Trottel", offenbart ihm Hitler sogar. Das ist Kubizek auch vollkommen bewusst und er stört sich nicht daran. Politik interessiert ihn einfach absolut nicht. Sein Interesse gilt der Musik und auf diesem Gebiet, das ebenfalls zu Hitlers Leidenschaften zählt, ist er seinem Freund haushoch überlegen. Hier kann er "Adolf" (so nennt Kubizek den Freund über die gesamte Länge des Buches) Paroli bieten und Hitler sieht schnell ein, dass er hier zurückzustecken hat. In jedem anderen Belang allerdings fühlt er sich Kubizek voraus und bombardiert ihn geradezu mit langen Reden zu allen möglichen Themen, die ihn beschäftigen und das sind viele. Er hält hier bereits schon gestenreich Reden vor dem Ein-Mann-Publikum Kubizek, der es nicht nur über sich ergehen lässt, sondern von dem intelligenten, wachen und energetischen Geist Hitlers beeindruckt ist. Es sind zwei Einzelgänger, die sich gefunden haben. Keiner von beiden hat andere Freundschaftsbeziehungen.
Hitler fordert Kubizek unheimlich viel ab, die Themen gibt meist er vor. Sie reichen von Geschichte über Politik und sozialen Fragen bis in entlegene Nichtigkeiten. Hitler interessiert sich für alles. Er beschäftigt sich mit allem, hat zu allem feste Ansichten und Verbesserungsvorschläge parat, die sich der geduldige Kubizek von seinem Freund anzuhören hat. Hitlers aufbrausendes Temperament ist hier bereits vollständig ausgeprägt. Die gemeinsame Leidenschaft ist allerdings die Kunst, namentlich die Musik, aber auch bildende Kunst und Architektur. Sie führen endlose Gespräche darüber und lernen einander immer besser kennen und schätzen. Sie sind in dieser Lebensphase nach wie vor Jugendliche. Sechzehn, siebzehn Jahre alt.
Es kommt selten vor, dass Hitler Kubizek um Rat anhält, doch eines Tages ist es soweit. Auf einer Flaniermeile in Linz fasst Hitler Kubizek am Arm und deutet auf ein junges Mädchen, das mit seiner Mutter spazieren geht. Hitler hat sich leidenschaftlich in diese junge Frau verliebt und hat nicht die geringste Ahnung wie er damit umgehen soll. Kubizek, der auch kein Frauenheld ist, aber von abgeklärtem und kontemplativen Charakter, wird zu Hitlers Spion in Liebesdingen und findet heraus, wer sie ist und was sie so treibt. "Du musst tanzen lernen, Adolf."
Jedoch kommt es nie so weit, dass Hitler sie anspricht. Alles was er tut, ist, sich ihr regelmäßig anzunähern und Blickkontakt mit ihr aufzubauen. Aus diesen Momenten schafft er sich eine rein innerlich stattfindende Romanze, die es in sich hat und die ihn von keinem Anzeichen des Liebesschmerzes verschont lässt. Stephanie, so heißt das Mädchen, wird sein Lebensinhalt und sein Antrieb. Was den Lehrern und der Mutter nie gelungen war, gelingt allein diesem Mädchen. Nämlich den auf Selbststudium und Müßiggang bedachten Hitler einen Lebensplan aufstellen zu lassen. Es wird ihm bewusst, dass er Beruf und Stellung braucht, um diesem Mädchen den Hof machen zu können. Und so fasst er den Plan, sich in Wien zum Kunstmaler ausbilden zu lassen, was ihm ermöglichen soll, innerhalb von vier Jahren endlich auf Stephanie zugehen zu können (sic!). Aber noch steckt er in Linz fest, im Haus der Mutter, mit der kleinen Schwester und seinem einzigen Freund Kubizek. Während Stephanie schon mit Offizieren flirtet, verspinnt er sich, angefeuert von der Musik Wagners, deren Anhänger beide Jungen sind, immer weiter in seine Leidenschaft für das Mädchen.
Er plant sogar, sie zu entführen und sich mit ihr gemeinsam von einer Brücke zu stürzen. Er ist offenbar vollkommen liebeskrank und Kubizek ist der einzige, der von diesem Geheimnis weiß und der einzige, der ihn mit Rat und Tat unterstützen kann, was in erster Linie bedeutet, ihn von seinem verrückten Entführungsplan abzuhalten.
Endlich kommt der Umzug nach Wien und Kubizek bleibt in Linz zurück. Er lernt immer noch im Tapeziergeschäft seines Vaters, obwohl seine Leidenschaft allein der Musik gehört. Aus Wien kommen dann Hitlers Briefe.
"Ich will und muss den Benkieser wieder sehen!" (Ein von Hitler verwendeter Code für Stephanie in Briefen an Kubizek; Benkieser ist irgendein Mitschüler)
Was Hitler verschweigt, ist seine Ablehnung an der Kunsthochschule. Die Mutter wird sterbenskrank und Hitler kommt zurück, um sie zu pflegen. Er zieht sich eine Schürze an und übernimmt den Haushalt bis zu ihrem Tod, der ihn vernichtend trifft. Der einzige, der für ihn da ist, ist Kubizek.
Von der Kunsthochschule abgelehnt, entschließt sich Hitler nun zu einem Architekturstudium. Nach wie vor gilt seine Leidenschaft der Kunst, nicht der Politik. Und es gelingt ihm sein erstes agitatorisches Meisterstück: Kubizeks Vater davon zu überzeugen, dass sein Sohn wenig dafür geeignet ist, das Tapeziergeschäft zu übernehmen und dass nur eine musikalische Laufbahn für ihn in Frage kommen kann und so folgt Kubizek seinem Freund dankbar nach Wien.
Hitler war nicht normal. Das ist etwas, das man dem Buch entnehmen kann. Die Pläne für den Umbau von Linz bspw. sind noch während der Zeit dort bis ins letzte Detail ausgearbeitet worden ohne den geringsten Zweifel an deren Verwirklichung über dreißig Jahre später. "Ach, Geld!"
Sein Hauptantrieb, jetzt mit Kubizek in Wien, ist aber immer noch der Benkieser bzw. die schöne blonde Stephanie.
In der gemeinsamen Bude übt Kubizek am Flügel und hört sich Hitlers Monologe an. Es geht wieder um alles. Es gibt nichts, das Hitler unbeschäftigt lässt. Er entwirft Wohnanlagen für die Bevölkerung Wiens in Parzellen zu 4, 8, höchstens 16 Haushalten. Er plant den Alkohol zu verbannen und durch ein modisches Kaffeegetränk zu ersetzen. Er fantasiert und entwirft in jedem Lebensbereich, liest sich durch die Wiener Bibliotheken, denn er hat Zeit. Einem geregelten Studium geht er im Gegensatz zu Kubizek nicht nach. Ein Antisemit ist er in dieser Lebensphase noch nicht.
Und eines Tages ist er weg. Einfach spurlos verschwunden im Gewühl der Großstadt. Erst in den zwanziger Jahren wird Kubizek ihn in den Zeitungen wiederfinden und ist erstaunt darüber, dass aus dem Freund, den er zeitlebens als Künstler wahrgenommen hat, ein Politiker geworden ist. Er bedauert ihn dafür. Doch es soll noch bis in die dreißiger Jahre andauern, dass sich ein Kontakt wieder einstellt; ein Wiedersehen findet erst nach der Machtergreifung statt.
Wer ist dieser Mann, der, nichtmal NSDAP-Mitglied, eines Tages in einem Bayreuther Hotel erscheint und mit dem Reichskanzler für eine Stunde in einem Zimmer verschwindet?
"Du bist ein politisches Kind."
Tja, wenigstens kein Trottel mehr.
 
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Barry Eichengreen, Arnaud Mehl, and Livia Chitu (2018): How Global Currencies Work: Past, Present, and Future

Die "alte" Hypothese zu Weltleitwährungen geht von starken Netzwerkeffekten aus: Eine Währung wird als Reservevehikel und Abrechnungseinheit benutzt, weil andere sie als Reservevehikel und Abrechnungseinheit benutzen. Dementsprechend ist zu erwarten, dass eine Währung eine Monopolstellung gewinnt und diese auch sehr lange behalten kann, auch wenn das ausgebende Land längst nicht mehr die ökonomische und politische Bedeutung hat, die es einst hatte als es zum Leitwährungsland aufgestiegen ist. Der sog. "lock-in effect".

Die Autoren verwerfen diese Hypothese. Zum einen führen Sie theoretische Argumente ins Feld, zum anderen empirische. Das Pfund war vor dem ersten Weltkrieg zwar die wichtigste Reserve- und Verrechnungswährung, aber es hatte keine ultimative Monopolstellung inne. Eher gab es ein Oligopol zwischen Pfund, Franc und Mark. nach dem 1. WK gewann der Dollar sehr schnell an Bedeutung und konnte schon Anfang/Mitte der 20er-Jahre das Pfund als wichtigste Währung ablösen, musste die Stellung in den 30ern aber wieder ans Pfund abtreten. Erst ab den 50er-Jahren konnte der Dollar sich durchsetzen. Und auch heute ist z.B. der Euro keineswegs unbedeutend.

Unterm Strich ziehen die Autoren den Schluss, dass die führende Rolle des USD schneller weg sein könnte als man auf Basis der "alten" Hypothese denken könnte, da es eben die beschriebenen Netzwerkexternalitäten und den daraus resultierenden "lock-in" so nicht gibt - dass eine Reservewährung sich wohl hartnäckig halten kann, steht dazu nicht im Widerspruch; nur liegen dafür halt andere Gründe (Gewohnheitseffekte, politische Erwägungen, etc.) vor.

Sehr spannend. MMn Pflichtlektüre für jeden, der sich mit dem Gebiet beschäftigt oder sich zumindest dafür interessiert. Allerdings ist es stellenweise etwas technisch, d.h. ein wenig Grundahnung von Inferenzstatistik sollte man idealiter mitbringen, aber zur Not geht es auch ohne.
 
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Kiran Klaus Patel (2018): Projekt Europa. Eine Kritische Geschichte

Anders als man anhand des Titels vielleicht auf den ersten Blick glauben könnte ist das Buch keineswegs Anti-EU, wobei der Autor professionell genug ist seine persönliche Meinung nirgends durchschimmern zu lassen. Im Gegenteil hinterlässt die Lektüre einen nüchternen, aber milde positiven Eindruck von der Geschichte der EU bzw. ihrer Vorgängerorganisationen. Der Fokus liegt dabei auf der Integration bis zum Vertrag von Maastricht. Der Autor geht dabei nicht chronologisch, sondern nach Themengebieten vor.

Was heute fast vergessen ist: Die EU (bzw. besagte Vorgängerorganisationen) waren keineswegs die einzigen supranationalen Organisationen, die in Europa in Folge des zweiten Weltkriegs gegründet worden sind. Zu nennen sind insbesondere noch die OECD, der Europarat, der Brüsseler Pakt (später WEU), und im weiteren Sinne auch die NATO. Dass die EG sich als die dominante Organisation würde durchsetzen wollen war dabei von vornherein keineswegs klar. Auf dem Gebiet der Menschenrechte war lange der Europarat das wichtigste Forum. Die EGKS hingegen war - was mir noch gar nicht klar war - gleich mal ein ziemlicher Rohrkrepierer. Überhaupt haben Scheitern und Rückschläge immer schon zur Geschichte der EG/EU gehört. So sind Anfang der 50er-Jahre bekanntlich die EVG und EPG grandios gescheitert. Auch Austritte hat es schon vor dem Brexit gegeben: Gröndland hat in den 70ern die EG verlassen und auch Algerien war nach der Unabhängigkeit von Frankreich stark in die EG integriert und ist im Laufe der Zeit herausgeglitten. Trotz der Rückschläge ging es aber doch immer irgendwie weiter.

Nicht alles an dem Buch war mir neu - habe immerhin im Politikstudium mal mehrere Kurse zur EU belegt, aber das ist halt auch schon wieder zehn Jahre her. :ugly: Aber zum einen schadet eine Wiederholung nicht, zum anderen habe ich einfach durch den etwas anderen Blickwinkel, den der Autor einnimmt, eine Menge neuer Sachen gelernt.
 
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Barry Eichengreen, Arnaud Mehl, and Livia Chitu (2018): How Global Currencies Work: Past, Present, and Future

Die "alte" Hypothese zu Weltleitwährungen geht von starken Netzwerkeffekten aus: Eine Währung wird als Reservevehikel und Abrechnungseinheit benutzt, weil andere sie als Reservevehikel und Abrechnungseinheit benutzen. Dementsprechend ist zu erwarten, dass eine Währung eine Monopolstellung gewinnt und diese auch sehr lange behalten kann, auch wenn das ausgebende Land längst nicht mehr die ökonomische und politische Bedeutung hat, die es einst hatte als es zum Leitwährungsland aufgestiegen ist. Der sog. "lock-in effect".

Die Autoren verwerfen diese Hypothese. Zum einen führen Sie theoretische Argumente ins Feld, zum anderen empirische. Das Pfund war vor dem ersten Weltkrieg zwar die wichtigste Reserve- und Verrechnungswährung, aber es hatte keine ultimative Monopolstellung inne. Eher gab es ein Oligopol zwischen Pfund, Franc und Mark. nach dem 1. WK gewann der Dollar sehr schnell an Bedeutung und konnte schon Anfang/Mitte der 20er-Jahre das Pfund als wichtigste Währung ablösen, musste die Stellung in den 30ern aber wieder ans Pfund abtreten. Erst ab den 50er-Jahren konnte der Dollar sich durchsetzen. Und auch heute ist z.B. der Euro keineswegs unbedeutend.

Unterm Strich ziehen die Autoren den Schluss, dass die führende Rolle des USD schneller weg sein könnte als man auf Basis der "alten" Hypothese denken könnte, da es eben die beschriebenen Netzwerkexternalitäten und den daraus resultierenden "lock-in" so nicht gibt - dass eine Reservewährung sich wohl hartnäckig halten kann, steht dazu nicht im Widerspruch; nur liegen dafür halt andere Gründe (Gewohnheitseffekte, politische Erwägungen, etc.) vor.

Sehr spannend. MMn Pflichtlektüre für jeden, der sich mit dem Gebiet beschäftigt oder sich zumindest dafür interessiert. Allerdings ist es stellenweise etwas technisch, d.h. ein wenig Grundahnung von Inferenzstatistik sollte man idealiter mitbringen, aber zur Not geht es auch ohne.

Klingt (im hinblick auf die Cryptowährungen) interessant.
 
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Klingt (im hinblick auf die Cryptowährungen) interessant.
Na ja, eher nein. Bei Cryptowährungen steht erstmal die Frage davor, ob die überhaupt konventionelle Währungen adäquat ersetzen können.


Heinrich August Winkler (2020): Wie wir wurden, was wir sind. Eine kurze Geschichte der Deutschen

Wie der Name sagt ein kurzer Abriss der deutschen Geschichte vom Mittelalter bis in die Gegenwart, wobei der Autor den Fokus darauf legt wie die Geschichte seit dem 19. Jahrhundert das Selbstbild der Deutschen geprägt hat. Am Ende analysiert Winkler vor diesem Hintergrund noch das (außen)politische Agieren Deutschlands in der jüngeren Vergangenheit.

Wer sich mit deutscher Geschichte auskennt, liest nichts grundsätzlich neues, aber ich fand es ganz nett, mal zwischendurch einen kleinen Gesamtüberblick zu lesen. Das Buch ist nicht sehr dick und geht - surprise, surprise - auch nicht zu sehr ins Detail. Ob man der Anaylse des Autors am Ende zustimmt, muss man für sich entscheiden; mir persönlich ging es hie' und da einen Tacken zu sehr Richtung "wir sind nicht tough genug wegen Hitler und so" (polemische Überspitzung).

Bemerkenswert fand ich zwei Fehler, die mir aufgefallen sind: Herbert Wehner wurde schon vor der Großen Koalition zum Fraktionschef befördert, dabei war er hier erst Vize - Chef war er erst ab 1969. Und die bayrische Staatsregierung wurde 1973 nicht vom FJS geführt, der wurde erst 1978 König Ministerpräsident.
 
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Andreas Kossert (2020): Flucht. Eine Menschheitsgeschichte

"Flüchtlingspack", "Huren-Flüchtlinge", "Sudetengesindel" - einige der freundlichen Begrüßungen, welche sich vertriebene Deutsche nach ihrer Ankunft in (West-)Deutschland nach dem 2. Weltkrieg anhören durften. Von ihren Landsleuten, wohlgemerkt. Aber abgesehen davon ist die feindselige Reaktion der Deutschen in den vier Besatzungszonen auf die Ankunft der Vertriebenen nichts Ungewöhnliches. Das Buch liefert eine große Menge an Einzelschicksalen als Beweis dafür, dass Flüchtlinge stets die sind, die ganz unten in der sozialen Hackordnung stehen. Egal wer, egal wo, egal wann - "der Flüchtling" ist ein Schmarotzer, Parasit, Dieb, Gauner, Taugenichts, will nur unser Geld. Wenn es anständige Menschen wären, hätte man sie ja wohl kaum vertrieben, da wo sie herkommen - das ist kein Scherz, der Autor liefert mindestens eine schriftliche Quelle, wo dieser Vorwurf einer westdeutschen Person gegenüber Vertriebenen aus den Ostgebieten geäußert wurde.

In dem Buch geht es nicht ausschließlich um deutsche Flüchtlinge nach '45, aber natürlich nehmen sie einen nicht unerheblichen Raum ein. 14 Millionen displaced persons sind nach dem 2. WK in den vier Besatzungszonen gelandet. Dies relativiert dann selbst die ein bis zwei Millionen wieder, die Deutschland um 2015 herum aufgenommen hat. Damals haben die Besatzungsmächte hart durchgegriffen und die Einquartierung der Vertriebenen teils unter Androhung von Waffengewalt durchgesetzt, weil von den Einheimischen kaum jemand bereit war, freiwillig jemanden bei sich aufzunehmen.

Ich fand nicht jede Stelle in dem Buch gelungen. Es gibt auch öfter mal Passagen, wo es mir zu mäandernd wurde und manchmal haut mir der Autor auch seine persönliche Meinung zu sehr raus. Ich teile diese Meinung zwar, aber ich kann sie mir selbst bilden und dementsprechend fände ich es besser, wenn man sich als Sachbuchautor auf die Darlegung von Fakten beschränkt.

Trotz der gelegentlichen Längen aber durchaus Leseempfehlung von mir, zumindest wenn man sich für das Tehmer interessiert. Es ist wirklich erstaunlich und erschreckend wie sehr sich die Erzählungen von Flüchtlingen - sei es über die Vertreibung, die eigentliche Flucht oder auch die "Ankunft" (die es ja für viele nie gibt) - zu allen Zeiten ähneln.
 
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Daniel H. Pink - To Sell is Human

Wie viele seiner Werke leichte Kost, aber durchaus unterhaltsam und er hat mich schon überzeugt, dass wir alle ein bisschen im sales drinnen sind. Er beschreibt aber sehr gut, dass das Konzept ABC (always be closing) aufgrund von Informationsgleichheit zwischen Käufer und Verkäufer nicht mehr zeitgemäß ist.
 

pinko

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August Kubizek - Adolf Hitler mein Jugendfreund

Oh nicht schon wieder! Wann werden wir mit ihm fertig sein?
1953 ist das Buch bereits erschienen, sein Inhalt in späteren Publikationen in Zweifel gezogen und in noch späteren wieder weitgehend rehabilitiert worden. Aber worum geht es überhaupt?
Im Jahre 1904 kommen während der Vorstellungspause im Musiktheater zu Linz zwei sechzehnjährige Jungen ins Gespräch. Im Stehparterre tauschen sie sich über einen Solisten aus, der beiden negativ aufgefallen war. Der eine ist der musikalisch begabte August Kubizek, den Namen des zweiten Jugendlichen kennt heute jeder Mensch auf der Welt. Es ist der Beginn einer Freundschaft, die, von langen Pausen unterbrochen, bis zu Hitlers Tod anhalten wird.
Kubizek ist ein unpolitischer Mensch. "Du bist ein politischer Trottel", offenbart ihm Hitler sogar. Das ist Kubizek auch vollkommen bewusst und er stört sich nicht daran. Politik interessiert ihn einfach absolut nicht. Sein Interesse gilt der Musik und auf diesem Gebiet, das ebenfalls zu Hitlers Leidenschaften zählt, ist er seinem Freund haushoch überlegen. Hier kann er "Adolf" (so nennt Kubizek den Freund über die gesamte Länge des Buches) Paroli bieten und Hitler sieht schnell ein, dass er hier zurückzustecken hat. In jedem anderen Belang allerdings fühlt er sich Kubizek voraus und bombardiert ihn geradezu mit langen Reden zu allen möglichen Themen, die ihn beschäftigen und das sind viele. Er hält hier bereits schon gestenreich Reden vor dem Ein-Mann-Publikum Kubizek, der es nicht nur über sich ergehen lässt, sondern von dem intelligenten, wachen und energetischen Geist Hitlers beeindruckt ist. Es sind zwei Einzelgänger, die sich gefunden haben. Keiner von beiden hat andere Freundschaftsbeziehungen.
Hitler fordert Kubizek unheimlich viel ab, die Themen gibt meist er vor. Sie reichen von Geschichte über Politik und sozialen Fragen bis in entlegene Nichtigkeiten. Hitler interessiert sich für alles. Er beschäftigt sich mit allem, hat zu allem feste Ansichten und Verbesserungsvorschläge parat, die sich der geduldige Kubizek von seinem Freund anzuhören hat. Hitlers aufbrausendes Temperament ist hier bereits vollständig ausgeprägt. Die gemeinsame Leidenschaft ist allerdings die Kunst, namentlich die Musik, aber auch bildende Kunst und Architektur. Sie führen endlose Gespräche darüber und lernen einander immer besser kennen und schätzen. Sie sind in dieser Lebensphase nach wie vor Jugendliche. Sechzehn, siebzehn Jahre alt.
Es kommt selten vor, dass Hitler Kubizek um Rat anhält, doch eines Tages ist es soweit. Auf einer Flaniermeile in Linz fasst Hitler Kubizek am Arm und deutet auf ein junges Mädchen, das mit seiner Mutter spazieren geht. Hitler hat sich leidenschaftlich in diese junge Frau verliebt und hat nicht die geringste Ahnung wie er damit umgehen soll. Kubizek, der auch kein Frauenheld ist, aber von abgeklärtem und kontemplativen Charakter, wird zu Hitlers Spion in Liebesdingen und findet heraus, wer sie ist und was sie so treibt. "Du musst tanzen lernen, Adolf."
Jedoch kommt es nie so weit, dass Hitler sie anspricht. Alles was er tut, ist, sich ihr regelmäßig anzunähern und Blickkontakt mit ihr aufzubauen. Aus diesen Momenten schafft er sich eine rein innerlich stattfindende Romanze, die es in sich hat und die ihn von keinem Anzeichen des Liebesschmerzes verschont lässt. Stephanie, so heißt das Mädchen, wird sein Lebensinhalt und sein Antrieb. Was den Lehrern und der Mutter nie gelungen war, gelingt allein diesem Mädchen. Nämlich den auf Selbststudium und Müßiggang bedachten Hitler einen Lebensplan aufstellen zu lassen. Es wird ihm bewusst, dass er Beruf und Stellung braucht, um diesem Mädchen den Hof machen zu können. Und so fasst er den Plan, sich in Wien zum Kunstmaler ausbilden zu lassen, was ihm ermöglichen soll, innerhalb von vier Jahren endlich auf Stephanie zugehen zu können (sic!). Aber noch steckt er in Linz fest, im Haus der Mutter, mit der kleinen Schwester und seinem einzigen Freund Kubizek. Während Stephanie schon mit Offizieren flirtet, verspinnt er sich, angefeuert von der Musik Wagners, deren Anhänger beide Jungen sind, immer weiter in seine Leidenschaft für das Mädchen.
Er plant sogar, sie zu entführen und sich mit ihr gemeinsam von einer Brücke zu stürzen. Er ist offenbar vollkommen liebeskrank und Kubizek ist der einzige, der von diesem Geheimnis weiß und der einzige, der ihn mit Rat und Tat unterstützen kann, was in erster Linie bedeutet, ihn von seinem verrückten Entführungsplan abzuhalten.
Endlich kommt der Umzug nach Wien und Kubizek bleibt in Linz zurück. Er lernt immer noch im Tapeziergeschäft seines Vaters, obwohl seine Leidenschaft allein der Musik gehört. Aus Wien kommen dann Hitlers Briefe.
"Ich will und muss den Benkieser wieder sehen!" (Ein von Hitler verwendeter Code für Stephanie in Briefen an Kubizek; Benkieser ist irgendein Mitschüler)
Was Hitler verschweigt, ist seine Ablehnung an der Kunsthochschule. Die Mutter wird sterbenskrank und Hitler kommt zurück, um sie zu pflegen. Er zieht sich eine Schürze an und übernimmt den Haushalt bis zu ihrem Tod, der ihn vernichtend trifft. Der einzige, der für ihn da ist, ist Kubizek.
Von der Kunsthochschule abgelehnt, entschließt sich Hitler nun zu einem Architekturstudium. Nach wie vor gilt seine Leidenschaft der Kunst, nicht der Politik. Und es gelingt ihm sein erstes agitatorisches Meisterstück: Kubizeks Vater davon zu überzeugen, dass sein Sohn wenig dafür geeignet ist, das Tapeziergeschäft zu übernehmen und dass nur eine musikalische Laufbahn für ihn in Frage kommen kann und so folgt Kubizek seinem Freund dankbar nach Wien.
Hitler war nicht normal. Das ist etwas, das man dem Buch entnehmen kann. Die Pläne für den Umbau von Linz bspw. sind noch während der Zeit dort bis ins letzte Detail ausgearbeitet worden ohne den geringsten Zweifel an deren Verwirklichung über dreißig Jahre später. "Ach, Geld!"
Sein Hauptantrieb, jetzt mit Kubizek in Wien, ist aber immer noch der Benkieser bzw. die schöne blonde Stephanie.
In der gemeinsamen Bude übt Kubizek am Flügel und hört sich Hitlers Monologe an. Es geht wieder um alles. Es gibt nichts, das Hitler unbeschäftigt lässt. Er entwirft Wohnanlagen für die Bevölkerung Wiens in Parzellen zu 4, 8, höchstens 16 Haushalten. Er plant den Alkohol zu verbannen und durch ein modisches Kaffeegetränk zu ersetzen. Er fantasiert und entwirft in jedem Lebensbereich, liest sich durch die Wiener Bibliotheken, denn er hat Zeit. Einem geregelten Studium geht er im Gegensatz zu Kubizek nicht nach. Ein Antisemit ist er in dieser Lebensphase noch nicht.
Und eines Tages ist er weg. Einfach spurlos verschwunden im Gewühl der Großstadt. Erst in den zwanziger Jahren wird Kubizek ihn in den Zeitungen wiederfinden und ist erstaunt darüber, dass aus dem Freund, den er zeitlebens als Künstler wahrgenommen hat, ein Politiker geworden ist. Er bedauert ihn dafür. Doch es soll noch bis in die dreißiger Jahre andauern, dass sich ein Kontakt wieder einstellt; ein Wiedersehen findet erst nach der Machtergreifung statt.
Wer ist dieser Mann, der, nichtmal NSDAP-Mitglied, eines Tages in einem Bayreuther Hotel erscheint und mit dem Reichskanzler für eine Stunde in einem Zimmer verschwindet?
"Du bist ein politisches Kind."
Tja, wenigstens kein Trottel mehr.
Hast du das selber geschrieben? RIchtig gut.
 
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Hast du das selber geschrieben?
Ja. Allerdings ist Kubizeks Buch durchaus mit Vorsicht zu genießen, weil in der ersten Version auch zwei Nazi-Ghostwriter drinnen rumgerührt haben. Es kam mir gleich etwas merkwürdig vor, weil es literarisch ziemlich solide gemacht ist, womit jetzt nicht gleich etwas gegen Kubizek gesagt sein soll. Aber eine gewisse Skepsis ist sicher angebracht, wenn man das Buch lesen möchte.
 
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Hanns-Josef Ortheil - Der von den Löwen träumte

Roman über Hemingway in Venedig. Bislang ganz gut.
 

Benrath

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Hab gerade das Buch Midnight in Chernobyl gelesen.
Afaik passierte die Serie darauf. Die Darstellung der Sowjetunion ist immer noch katastrophal, aber die Helden der Serie kommen im Buch schlechter weg.
 

Gustavo

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Hab gerade das Buch Midnight in Chernobyl gelesen.
Afaik passierte die Serie darauf. Die Darstellung der Sowjetunion ist immer noch katastrophal, aber die Helden der Serie kommen im Buch schlechter weg.

Was meinst du mit katastrophal? Katastrophal im Sinne von falsch oder katastrophal im Sinne, wie sie sich verhalten haben? Fand visuell ziemlich beeindruckend, wie sie die Sovietunion dargestellt hatten und hatte glaube auch ich mehrere Leute gesehen, die meinten "ja, so sah die Sovietunion wirklich aus".
 

Benrath

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Im Sinne von wie kaputt das Land / die Länder waren und wie Politik und Ideologie zur Korruption geführt haben und jeglicher Common Sense ignoriert wurde, wenn er von der Parteilinie abwich.
 

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Hab gerade das Buch Midnight in Chernobyl gelesen.
Afaik passierte die Serie darauf. Die Darstellung der Sowjetunion ist immer noch katastrophal, aber die Helden der Serie kommen im Buch schlechter weg.
Danke, mal bestellt. Mal gespannt, wo die großen Unterschiede sind, iirc kamen doch Legasov / Shcherbina nicht ohne Beulen weg. Ersterer vom KGB-Chef wegen seiner Parteivergangenheit und zweiterer fand ich generell schon als ziemlich Prototyp von "Menschenwerfer-Sowjet". Der große Rest war doch entweder erfunden als Symbol, oder war übel dargestellt. Oder meinst du die Besatzung im Kraftwerk während dem Unfall?
Evtl. auch was für "Now Reading" im Literaturforum, damit das nicht ganz so sehr stirbt..
 

Benrath

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Auf Wunsch verschoben. Shcherbina wirkt in der Serie wesentlich flexibler als im Buch und will auch im Buch lange nix machen.

Legasov wirkt in der Serie als wäre er der einzige der blickt was abläuft. Gerade die Aktion mit dem Abwerfen der ganzen Materialen wird im Buch eher kritisch betrachtet. Ich fand es klang eher so, dass eh egal gewesen wäre was sie gemacht haben. Wichtig war hauptsächlich das Wasser ablassen.

Das ganze Ende mit seinem Talk und dass er vor Gericht aufklärt was passiert wirkt im Buch anders. Er vertuscht es auch eher.
In den Prozessen ist es Diatlov oder der andere die versuchen die Schuld auf die fehlerhafte Technik abzuwälzen, aber mit wenig Erfolg.
 
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