Was mich bei dem Thema am meisten nervt ist die offensichtliche Unfähigkeit der Europäer, zugeben zu können was hier tatsächlich passiert: Wir haben uns als Land/EU eingeredet, das System in dem wir so lange gelebt und prosperiert haben sei irgendwie "normal" und normativ offensichtlich korrekt* und das sei alles selbstverständlich und da würden irgendwann schon alle drauf kommen und das hat natürlich alles nix damit zu tun, dass es uns als Kontinent (wirtschaftlich stark, militärisch schwach) 100% in den Kram passt.
Dann kommt so jemand wie Trump, sagt einfach "nee, wir fühlen uns an diese Regeln nicht mehr gebunden jetzt" und die kollektive Antwort der Europäer ist, immer und immer wieder, einfach darauf zu hoffen dass schon der Bestfall eintritt (wird schon alles nicht so schlimm und regelt sich *irgendwie* von selbst), alleine weil man sich alle anderen Fälle einfach nicht vorstellen will (und darauf auch nicht vorbereitet ist und dummerweise halt auch Institutionen geschaffen hat, die extrem schlecht darauf reagieren können).
Und während man bei Politikern vielleicht noch halbwegs verstehen kann, warum sie verbal nicht die öffentliche Konfrontation suchen, übernehmen wir das als Gesellschaft auch noch. Ich kann gar nicht zählen, wie häufig ich in den Medien von den "guten Kontakten" und der tollen "Arbeitsbeziehung" von Friedrich Merz zu Donald Trump gehört habe und wie klug die Herangehensweise doch sei, weil der bereit war den Trump-Zirkus mitzumachen. Dabei gab es exakt NULL Belege dafür, dass das irgendwelche praktischen Auswirkungen auf die Politik von Trump gegenüber Deutschland haben wird: Alles, was als "Erfolg" von Friedrich Merz verkauft wurde, war dass abstrakte Drohungen nicht konkret umgesetzt wurden (wobei auch keine tatsächlich dauerhaft vom Tisch genommen wurde), während bei der einzigen konkreten policy (dem Tarifstreit) Deutschland letztendlich exakt so behandelt wurde wie alle anderen Europäer auch, inklusive der Schweiz, über die man massenhaft Artikel lesen konnte, wie sehr sie es sich mit Trump verscherzt hätten.
Was ich wirklich nicht verstehe: Im letzten Jahrzehnt habe ich mitbekommen, wie in Deutschland viel mehr über die USA berichtet wurde. Mittlerweile sind die deutschen Medien voll von Nachrichten über die USA, die es früher nie im Leben in deutsche Medien geschafft hätten. Wir hören mittlerweile über Streits zwischen zweitrangige Senatoren, zum Scheitern verurteilte Vorschläge der Demokraten, über die interne Dynamik am Supreme Court usw. usf. Ob das jetzt alles wirklich so einen großen Mehrwert für die deutsche Öffentlichkeit hat lasse ich mal dahingestellt, aber im Mindestmaß sagt es mir doch, dass deutsche Journalisten VIEL mehr amerikanische Medien konsumieren als vor 20 Jahren, weil die Informationen häufig genau dort herkommen. Wenn das aber schon so ist müsste man doch zu dem Mindestmaß an Transferleistung bereit sein, zu verstehen dass die Methode, die die Trump-Regierung in der Innenpolitik gegenüber "feindlichen" Institutionen anwendet exakt die Methode ist, die sie gegenüber anderen Nationen auch anwendet: Man fordert und droht gleichzeitig. Wenn der andere nachgibt fordert man einfach weiter. Nur wenn der andere nicht nachgibt schaut man, ob man die Drohung tatsächlich wahr macht oder nicht. Und häufig war es so, dass man eben doch zurückgezogen hat, weil die Drohung mit Kosten verbunden gewesen wäre.
DAS ist imo der springende Punkt, der in Europa viel zu wenig beachtet wird: Die Trump-Regierung verspricht ihren Wählern eine Menge, aber das sind alles die hohlen Versprechen die Rechtspopulisten überall machen, nämlich dass man die "Ausbeutung" durch irgendwelche wenig konkret definierten Feinde beendet. Damit das funktioniert muss das alles aber immer kostenlos sein: Die Drohung, sollte man sie wahrmachen müssen, darf keinerlei nennenswerte Kosten für Amerikaner haben. Eine Güterabwägung muss nämlich nie vorgenommen werden, solange der andere sich nicht wehrt. Aber wenn das der Fall ist dann ziehen sie häufig genug eben doch zurück (was man hier als diese "TACO"-Geschichte kennt), weil die Trump-Regierung eben doch bisher wenig Bereitschaft gezeigt hat, Kosten auf ihre eigenen Anhänger umzulegen (von ein paar Farmern und Importeure mal abgesehen). Trumps blödsinnige Grönland-Fixierung hat natürlich nichts mit irgendwelchen geostrategischen Erwägungen zu tun, das ist völlig absurd; Trump möchte einfach gerne Grönland haben, weil in seinem Weltbild die Vergrößerung der Landmasse der USA eine heroische Tat ist, welche auf ihn zurückfällt. Ob die Trump-Regierung bereit ist das immer noch zu verfolgen wenn es bedeutet, dass sie Amerikanern (insbesondere in red states) erklären muss, warum sie ihre Jobs verlieren, weil ihre Produkte jetzt mit Gegenzöllen belegt werden, erscheint mir anhand des bisherigen Vorgehens der Regierung mehr als unsicher. Wir reden uns in Europa imo zu sehr die eigene Schwäche ein: Sind wir tatsächlich schwach im Vergleich zu amerikanischen Universitäten? Zu amerikanischen Anwaltskanzleien? Zu amerikanischen Bundesgerichten? Im Zweifelsfall müssen die alle darauf vertrauen, dass die Trump-Regierung im Konfliktfall sagt, sie halten sich an Gerichtsurteile, sollten sie verlieren. Welche Druckmittel haben die im Vergleich zu souveränen Staaten bitte?
Wenn das im Zweifelsfall heißt, dass die Amerikaner die Ukraine-Unterstützung komplett einstellen und aus der NATO austreten, dann sollte man sich halt fragen, wie wahrscheinlich es ist, dass die Amerikaner ihren Bündnisverpflichtungen nachkommen würden, wenn es ganz konkrete negative Folgen für sie hätte (boots on the ground), wenn sie das nicht mal schaffen wenn es nur darum geht den status quo (Grönland ist formell nicht amerikanisch, sondern dänisch) zu akzeptieren.
*wobei man gerne die Augen davor verschlossen hat wenn man es anderswo nicht so genau mit der Durchsetzung genommen hat