Der Franzose

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https://www.faz.net/-gq5-aoqda <-- Artikel zur Wahl

Es spiegelt den flachen und anspruchslosen Charakter des Deutschen an sich, dass es keinen Thread zur Wahl in Frankreich gibt.

Fazit: Es ist schlimm.

Wir können uns mal überlegen was passiert wenn Le Pen tatsächlich gewinnen sollte. Selbst wenn Macron es nochmal schafft wird die EU eine Leitfigur der Post-Merkel Zeit brauchen, und die wird er absehbar nicht sein mit dieser Schwächung; auch wenn er es natürlich gerne sein will.

Glaubt irgendwer ernsthaft, dass es Deutschland und Olaf könnte?
Ich würde es mir ja wünschen, aber der Glaube daran fehlt mir.

Quo vadis Baguette Grenouille?
 
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So wie alle 2016 damit rechneten, dass Hillary locker gegen Trump gewinnt und die Briten schon nicht so doof sein würden trotz offensichtlich zusammengelogener Kampagnen den Brexit zu wählen?
 
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der Ukraine Krieg hilft Macron, das Volk will in der Krise ein geeintes Europa, dass bietet Le Pen nicht, denke das wird nen ez win.
 

Gustavo

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Le Pen gewinnen? Welchen Film guckst du? Ich rechne nicht mit einem knappen zweiten Wahlgang: Macron 60+.

Ich glaube auch nicht an den ganz knappen Wahlsieg von Macron, aber für den ersten Wahlgang trafen die Umfragen ziemlich perfekt zu. Dieselben Umfragen sehen Macron aktuell so bei 52/48. Denke in den nächsten zwei Wochen werden ein paar Franzosen wieder weich und stimmen dann doch lieber für Macron als gar nicht, aber mit 60/40 rechne ich auch nicht. Vermutlich näher an 55/45.

Btw: Auch beeindruckend, was für einen politischen Absturz dieses Land hinter sich hat, wenn man bedenkt dass es Frankreich jetzt gar nicht so schlecht geht eigentlich. vor 20 Jahren hat Chirac noch gegen Le Pens Vater 82/18 gewonnen. An sowas denke ich immer, wenn mir jemand irgendwas über Degrowth erzählen will.
 

parats'

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Rechne eigentlich mit einem klaren Sieg von Macron bzw. sehe ich nicht wo Le Pen einen Stich setzen kann. Abgesehen von den Gelbwesten lief es dann auch nicht so schlecht. Dazu kommt natürlich noch die Pandemie und der Krieg, die Macron, wie gewohnt, sehr charismatisch handelt. Er ist halt ein kleiner Süßholzraspler der gut reden kann.

Am Ende bleibt eben die einzig relevante Frage, ob Macron mit Len Pen oder Le Crayon unterschreibt.
 
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Im Charakter der modernen Sozialdemokratie wohnt die Angst, die eigene Position selbstbewusst und mit Nachdruck zu vertreten.
 
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Viel krasser als die LePen-Geschichte finde ich, dass Zemmour wohl knapp 2,5 Mio Stimmen geholt hat. Der Typ ist strammer Rechtsaußen, extremer geht es kaum.

Im 2. Wahlgang wird Macron gewinnen
 

Benrath

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wollte fast den Wahlrechtsreform thread am Beispiel Frankreichs rausholen.
Hier wäre wohl auch interessant, wenn man schon im ersten Wahlgang zwei Stimmen hätte.
Vielleicht gäbe es dann ein anderes Top Pairing.
 
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Nach ersten Hochrechnungen Macron 58 zu 42, gg no re.
 

Gustavo

Doppelspitze 2019
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Ich glaube auch nicht an den ganz knappen Wahlsieg von Macron, aber für den ersten Wahlgang trafen die Umfragen ziemlich perfekt zu. Dieselben Umfragen sehen Macron aktuell so bei 52/48. Denke in den nächsten zwei Wochen werden ein paar Franzosen wieder weich und stimmen dann doch lieber für Macron als gar nicht, aber mit 60/40 rechne ich auch nicht. Vermutlich näher an 55/45.

Damn, war ich sogar noch etwas zu pessimistisch. Mit dem Trend könnten wir ja eventuell sogar die kompletten 20er-Jahre ohne MLP als Präsident durchhalten.
 
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Ich bin über die Lesart etwas irritiert.
1. Vorsprung von Macron soll deutlich sein. 58-42 ist nen Unterschied, aber nur 8% (ist ja ne Stichwahl). Zusätzlich ist der Vorsprung zu Le Pen geringer als beim letzten Mal.
2. Die Wahlbeteiligung ist ja echt nicht sehr hoch (63% bis 17 Uhr).
 

Gustavo

Doppelspitze 2019
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Ich bin über die Lesart etwas irritiert.
1. Vorsprung von Macron soll deutlich sein. 58-42 ist nen Unterschied, aber nur 8% (ist ja ne Stichwahl). Zusätzlich ist der Vorsprung zu Le Pen geringer als beim letzten Mal.
2. Die Wahlbeteiligung ist ja echt nicht sehr hoch (63% bis 17 Uhr).

Wahrscheinlich letztendlich alles eine Frage der Erwartungen. Wären die Umfragen vor der Wahl 66/34 gewesen, wie es beim letzten Mal ausgegangen ist, würden jetzt alle Zeter und Mordio schreien, dass Frankreich zum rechten Molloch wird. Weil die Umfragen aber tatsächlich vor zwei Wochen fast Gleichstand waren und nur langsam wieder Richtung Macron gestiegen sind, kommt Beobachtern das jetzt vor wie der große Erfolg. Ist natürlich inhaltlich trotzdem schon verheerend, dass jemand wie MLP so viele Stimmen gewinnen kann.
 
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Der alte Le Pen hat damals afair um die 20% geholt. Insofern ist das nicht gerade deutlich.
Was meint ihr, ist Marine nochmal am Start?
 
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Wahrscheinlich letztendlich alles eine Frage der Erwartungen. Wären die Umfragen vor der Wahl 66/34 gewesen, wie es beim letzten Mal ausgegangen ist, würden jetzt alle Zeter und Mordio schreien, dass Frankreich zum rechten Molloch wird. Weil die Umfragen aber tatsächlich vor zwei Wochen fast Gleichstand waren und nur langsam wieder Richtung Macron gestiegen sind, kommt Beobachtern das jetzt vor wie der große Erfolg. Ist natürlich inhaltlich trotzdem schon verheerend, dass jemand wie MLP so viele Stimmen gewinnen kann.
Absolut.

Und das sollte auch der Ansatz für seine Politik der kommenden Jahre sein. 13 Mio Franzosen sahen in MLP ihre Präsidentin.
- Eine Frau die offen mit Russland kuschelt
- Eine Frau die offen gegen das Projekt Europa hetzt
- Eine Frau die die Achse Frankreich/Deutschland offen in Frage stellt.

Nach GB wäre ein EU Austritt Frankreichs das Ende dieser Institution
 
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Wobei ich manchmal denke, es hätte auch seine guten Seiten.
 
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Ich denke mir manchmal, es hätte was Gutes, wenn diese Menschen mal sehen würden, was ihnen Le Pen wirklich bringt, aber von den inakzeptabel Kollateralschäden abgesehen zeigt die Trump-Erfahrung, dass das bei den meisten selbst dann nicht ankäme, weil ein mangelhafter Bezug zwischen eigenen Vorstellungen und Realität besteht.

Was mich mehr erschreckt als die Tatsache, dass abgehängte Milieus im ländlichen Raum sich weniger für Außenpolitik interessieren als für nationalistische Identitätspolitik, ist der Umstand, dass selbst urbane Eliten bereitwillig ihre Stimme an Leute wie Le Pen oder Zemmour geben.
Dazu kommt halt der Zusammembruch der parlamentarischen Linken, der zu vielen enttäuschten Wählern und geringer Wahlbeteiligung führt.
 
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Was mich mehr erschreckt als die Tatsache, dass abgehängte Milieus im ländlichen Raum sich weniger für Außenpolitik interessieren als für nationalistische Identitätspolitik, ist der Umstand, dass selbst urbane Eliten bereitwillig ihre Stimme an Leute wie Le Pen oder Zemmour geben.

Auch die bekommen halt mit was in ihren Vorstädten passiert (oder auch in Paris selbst. Ist es eigentlich mittlerweile ein touristisches Erlebnis in Paris von rumänischen Zigeunerbanden beklaut zu werden oder zählt das noch als Straftat? :deliver:). Weiß nicht, warum diese Erkenntnis immer so Pickatchumäßig kommt, aber massenhafte muslimische Migration = Probleme = Stimmen für die Rechten. Gäbe es die Situation in den Bonlieus nicht, hätte Le Pen keine 10%. Dasselbe gilt für die Schwedendemokraten, die dänischen Rechten, die AfD und jede andere rechte Partei in Europa. Sie alle existieren nur aufgrund des Fehlers, massenhafte muslimische Migration nach Europa zuzulassen.
 

parats'

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Beleben wir doch mal den Thread wieder mit der zweiten Runde der Parlamentswahl.
Mal sehen wo im Unterhaus jetzt um Mehrheiten gerungen wird.
 
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Gustavo

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Beleben wir doch mal den Thread wieder mit der zweiten Runde der Parlamentswahl.
Mal sehen wo im Unterhaus jetzt um Mehrheiten gerungen wird.

Ipsos-Hochrechnung geht von 89 Sitzen für RN aus, Steigerung von acht Sitzen letztes Mal. Bin mal gespannt auf die Aufschlüsselung, gegen welche Partei der RN seine Sitze in der zweiten Runde gewonnen hat.
 
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Macron Fail.

Keine Ahnung wie man für Melenchon stimmen kann.

Ich hätte gerne die Zeit um den Franzosen an sich zu verstehen.
 

Gustavo

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Keine Ahnung wie man für Melenchon stimmen kann.

Märchenonkel, der den Franzosen erzählt dass alles an ihnen in Ordnung ist außer dass sie zu viel Lebensarbeitszeit haben und der Deutschland hasst? Ergibt für mich eine Menge Sinn, warum der Franzose das gut findet. :mond:
 
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*der zusätzlich noch erzählt, dass Putin eigentlich missverstanden ist und sich erst distanziert wenn dieser gerade einen Krieg anfängt, und der nicht nur Deutschland sondern auch die EU hasst.

srsly, das hat doch nichts mehr mit "links" zu tun. Das ist einfach nur dume Bauernfängerei.
 

Gustavo

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*der zusätzlich noch erzählt, dass Putin eigentlich missverstanden ist und sich erst distanziert wenn dieser gerade einen Krieg anfängt, und der nicht nur Deutschland sondern auch die EU hasst.

srsly, das hat doch nichts mehr mit "links" zu tun. Das ist einfach nur dume Bauernfängerei.

Ich bin ja mal gespannt, wie Macron aus diesem Mist eine halbwegs tragfähige Mehrheit bilden will. Wie gesagt, die Linken haben sich ins Spinnertum verabschiedet und mit dem RN wird es natürlich keine Zusammenarbeit geben. Hier wäre es mal wieder an der Zeit, dass die vernünftigen Konservativen Verantwortung übernehmen, aber das entspricht so gar nicht der französischen Parlamentskultur oder dem Selbstverständnis der Partei.
 

parats'

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Ich bin ja mal gespannt, wie Macron aus diesem Mist eine halbwegs tragfähige Mehrheit bilden will.
Ganz einfach.

Sieht teils nach paywall aus:
Wenige Stunden, nachdem die Rechtsextremen mit 89 Frauen und Männern in das französische Parlament eingezogen waren, sagte Céline Calvez diesen folgenschweren Satz: "Wenn wir eine Mehrheit brauchen, werden wir auch die Stimmen des Rassemblement National suchen." Die gerade wiedergewählte Abgeordnete des Präsidenten Emmanuel Macron wusste sicherlich, was sie tat: Calvez studierte Politikwissenschaften und leitete jahrelang eine PR-Agentur – sie kann also die Wirkung ihrer Worte einschätzen. Sie brach daher bewusst in einer Fernsehsendung ein politisches Tabu in Frankreich: Künftig, sagte Calvez, könne die Macron-Partei also auch mit dem Rassemblement National Marine Le Pens zusammenarbeiten, um Gesetze verabschieden zu können.

Dabei hieß es in Frankreich wie auch in Deutschland immer: Niemand arbeitet und stimmt mit den Rechtsextremen. Nun aber, wenige Tage nachdem Macron bei den Parlamentswahlen seine absolute Mehrheit verloren hat und er künftig für jedes neue Gesetz 60 Stimmen aus der Opposition benötigt, gehen er und seine Gefolgsleute auf den Rassemblement National zu. Auch sein Justizminister Éric Dupond-Moretti kündigte an, für gemeinsame Ziele, etwa "für mehr Stellen bei der Polizei", gemeinsam mit dem RN "voranschreiten zu wollen".
Dabei ist Le Pens Programm so menschenverachtend und autoritär wie eh und je: Sie fordert etwa die "nationale Präferenz", nach der Menschen mit französischem Pass bei der Wohnungs- und Arbeitssuche grundsätzlich vor Bewerberinnen anderer Herkunft bevorzugt werden sollen. Außerdem will sie Flüchtlinge medizinisch nicht mehr versorgen und die Polizei grundsätzlich davon freisprechen, für ihre Taten zur Verantwortung gezogen zu werden. Vorschläge, die der französischen Verfassung widersprechen und, bislang zumindest, auch den Werten der demokratischen Parteien.

Sie ist so menschenverachtend wie immer
Le Pen kündigte umgehend an, "konstruktiv" arbeiten zu wollen. Sie habe Macron im Vieraugengespräch gesagt, in der Opposition zu sein, aber nicht "systematisch blockieren" zu wollen. Damit klingt sie sogar versöhnlicher gegenüber Macron als die konservativen Republikaner, die auf Macrons "magere Bilanz" verweisen, um eine Zusammenarbeit auszuschließen. Le Pen sagte, sie werde sicherlich nicht für die spätere Rente mit 65 Jahren stimmen. Für weitere wichtige Projekte, etwa den Bau sechs neuer Atomkraftwerke, wird sich Macron allerdings auf die Stimmen des RN stützen können.

Macron hat, so sehen es viele Politikwissenschaftlerinnen, die Rechtsextremen genutzt, um sich selbst an der Macht zu halten: Im Duell gegen Le Pen, das war sein Kalkül, würde er mit größerer Sicherheit wiedergewählt als gegen andere Kandidaten. Auch deshalb hat er Le Pen immer wieder verharmlost, indem sein Innenminister beispielsweise sagen durfte, sie sei zu "weich" gegenüber Islamisten. Zwar wurde Macron in der Stichwahl gegen Le Pen wiedergewählt, aber seine Rechnung ging langfristig trotzdem nicht auf: Er hat keine eigene Mehrheit im Parlament, Le Pen hingegen hat ihre Zahl der Abgeordneten knapp verzehnfacht. Macron sei inzwischen der "nützliche Idiot" der Rechtsextremen, so drückt es die Investigativredaktion Mediapart aus. "Es besteht die Gefahr, dass der Rassemblement National in wenigen Jahren 200 oder 250 Abgeordnete stellt und langfristig eine Mehrheit erreicht", sagt der Politikwissenschaftler Olivier Rozenberg. Schuld daran ist auch der Wahlkampf Macrons.

Noch in seiner ersten Amtsrede 2017 sagte Macron, er wolle "alles tun, damit niemand mehr einen Grund hat, für die Rechtsextremen" zu stimmen. Macron begeisterte damals im In- und Ausland, weil er als überzeugter Europäer die Nationalisten bekämpfen wollte. Und noch bei den Kommunalwahlen 2020 zogen sich Macrons Kandidaten zurück, um alle Personen links von Le Pen zu unterstützen, ihr einziger Feind, sagte der Präsident damals zu seinen Leuten, sei der Front National.

Seit seiner Wahl 2017 gewinnt die inzwischen zu Rassemblement National umgetaufte Partei bei jeder Wahl viele Millionen Stimmen hinzu. "Macron hat mitgeholfen, das rechtsextreme Monster zu erschaffen", schreibt der britische Guardian über Macron. Er müsse seine Strategie dringend ändern und mehr links besetzte Themen wie eine starke Klimapolitik schärfen, statt rechtsextremen Ideen hinterherzurennen.
Eine stumpfe Rote-Socken-Kampagne
Augenblicklich macht Macron allerdings das Gegenteil. Bei der Parlamentswahl galt seine schärfste Kritik und die seiner Minister nicht mehr Le Pen, sondern dem neuen links-grünen Bündnis Nupes: Sollte es gewinnen, drohten dem Land "Chaos" und "Anarchie", hetzten seine Ministerinnen. Macron selbst setzte in einer Ansprache die Linke mit den Rechtsextremen gleich, beide stünden außerhalb der Republik. Bis heute weigert sich sogar das Pariser Innenministerium, alle gewählten Abgeordneten der Nupes-Allianz auch tatsächlich als solche zu zählen – einige von ihnen wurden unter "divers links" eingeordnet, um den Erfolg der Linksallianz zu schmälern. Das führte zu der absurden Situation, dass viele Medien, darunter die angesehene Zeitung Le Monde, in ihren Grafiken neun Nupes-Abgeordnete mehr zählten als die offiziellen, problematischen Statistiken.

Dieser stumpfen Rote-Socken-Kampagne folgten Taten: Kam es in den Wahlkreisen zu einem Duell zwischen Rechtsextremen und der Nupes, riefen Macrons unterlegene Kandidatinnen in den meisten Fällen nicht dazu auf, sich für die Linken zu entscheiden. Selbst im Wahlkreis Marine Le Pens zog es die bereits ausgeschiedene Macron-Kandidatin vor, in der Stichwahl ungültig zu wählen. Diese offizielle Gleichsetzung einer radikalen Linken mit den Rechtsextremen beeinflusste auch die Anhängerschaft Macrons: Die allermeisten seiner Wählerinnen und Wähler enthielten sich bei den Duellen zwischen Nupes und RN. Und eine Pariser Abgeordnete stellte die Frage in den Raum, warum sie denn "mehr mit der linken Nupes diskutieren solle als mit dem Rassemblement National". Als gebe es keinen Unterschied zwischen einem ausländerfeindlichen, nationalistischen Programm und einem Programm, das mit seinen höheren Steuern für Besserverdienende und seiner radikalen Klimapolitik zwar im Gegensatz zu Macrons Politik steht, aber niemanden diskriminiert und die Verfassung achtet.
Inzwischen mehren sich sogar die Stimmen von Macrons Abgeordneten, die Leitung des Finanzausschusses im Parlament lieber an die Rechtsextremen zu geben als an die zahlenmäßig viel bedeutsamere Nupes. Traditionell geht dieser wichtige Ausschuss an die Opposition. Die Linken wollten im Ausschuss "die Steuern kontrollieren", sagte etwa der kürzlich erst von den Konservativen übergelaufene Abgeordnete Éric Woerth. Er spielt darauf an, dass der Ausschuss das Steuergeheimnis von Firmen und Privatpersonen aufheben kann, um eventuelle Hinterziehungen aufzudecken. Scheinbar eine Praxis, die Woerth nicht gutheißt, weswegen der Rassemblement Nation den Vorsitz übernehmen soll. Offenbar ist Le Pens Strategie, ihre Partei zu entteufeln, nicht nur bei vielen Wählerinnen und Wählern erfolgreich: Inzwischen will das halbe französische Parlament mit ihr zusammenarbeiten. Zumindest, wenn damit eine angeblich linksextreme Finanzpolitik, etwa eine Vermögensteuer, verhindert werden kann.
 
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